Wissenschaft : Die virtuelle Alternative

Der Universitätsverlag Potsdam will auf der Frankfurter Buchmesse für einen „freien Zugang“ zu wissenschaftlicher Literatur werben

Matthias Hassenpflug

Man stellt sich das „Verlagshaus“, in dem sich der Universitätsverlag Potsdam dem Wettbewerb auf dem Buchmarkt stellt, anders vor. Weniger zweckmäßig und viel, viel repräsentativer. Doch das Haus 6 im Babelsberger Park gehört zu den Altneubauten aus dem DDR-Plattenbaukasten, die auf den Abriss zu warten scheinen. Und statt eines Verlegers begrüßen Mitarbeiter der Uni-Bibliothek die Besucher. Der Verlag ist eine Abteilung der Bibliotheksverwaltung. Bestseller mit 1500 bestellten Exemplaren ist: „Training im Wasser mit der Poolnudel“. Mittlerweile, sagt „Verlegerin“ Dagmar Schobert, kenne wohl jeder Bademeister das Werk zur Aqua-Fitness.

Der vor acht Jahren gegründete Verlag ist gar nicht auf noble Repräsentanzen aus. Seine Welt sind das Internet und dessen virtuelle Bibliotheken. Wenn sich das Verlagsziel erfüllt, wird kaum noch ein gedrucktes Buch durch die Hände der beiden Mitarbeiterinnen Karin Baumann und Dagmar Schobert gehen. Sämtliche Veröffentlichungen, ob Buch, Schriftenreihe oder Zeitschrift, werden jetzt schon auf dem weltweit zugreifbaren und vernetzten Publikationsserver der Uni unter http://pu.ub.uni-potsdam.de/ gelagert. Global sind über acht Millionen Dokumente auf 670 miteinander verbundenen Servern dauerhaft archiviert und über die Suchmaschine OAIster bequem zugänglich. Und zwar im Volltext.

Stellt sich die Frage, ob die in einer Arbeitsgemeinschaft verbundenen elf Universitätsverlage nicht eine Bedrohung für die althergebrachten Wissenschaftsverlage darstellen. „Wir sind zu den herkömmlichen Verlagen keine Konkurrenz“, ist sich Dagmar Schobert sicher, die hier die Online-Veröffentlichungen betreut. „Beliebte Standardwerke werden nach wie vor in hoher Auflage gedruckt.“

Potsdam war eine der ersten Universitäten, die mit der eigenen Herausgebertätigkeit auf die so genannte Publikationskrise der letzten Jahre reagiert hat. Wissenschaftliche Fachzeitschriften und Monografien wurden immer teurer. Dem standen die ständig schrumpfenden Mittel der Bibliotheken für Neueinkäufe gegenüber. „Manche Monografien kosten heute bis zu 2000 Euro“, erklärt Schobert, das sei glatt wissenschaftsfeindlich. In einige der Zeitschriftenverlage, warnt die Interessengemeinschaft „SPARC Europe“, seien bereits Private-Equity-Investoren eingestiegen. Ein scheinbar lukratives Geschäft. Die Gegenbewegung dazu lautet „Freier Zugang“, Open Access, und die Losung heißt – ein wenig kämpferisch – „Returning science to the scientists!“, Wissenschaft den Wissenschaftlern. Der Hintergrund leuchtet ein. Wissenschaft funktioniert nur mit freier Kommunikation und möglichst breitem Zugang zur aktuellen Literatur. Anstatt teure Printausgaben anzuschaffen, setzten die gebeutelten Universitäten auf digitale Bibliotheken und Vernetzung.

Aber auch die traditionellen Verlage unterstützen mehr und mehr zumindest die digitale „Open Access“-Bewegung. „In den meisten Fällen ist es den Autoren erlaubt, ihre Arbeit zusätzlich zu der Druckausgabe auf einem nichtkommerziellen Server digital zu veröffentlichen“, erläutert Schobert. Nur nach Bedarf wird in kleiner Serie eine Druckausgabe hergestellt. „Print on demand“, nennt Baumann die Kleinstserien, die bei 50 Exemplaren beginnen können. Man arbeitet hier kostengünstig mit der hauseigenen Druckerei zusammen.

Das Potsdamer Angebot umfasst mittlerweile 300 Titel, die über die Verlagswebsite bequem per Bestell-Button geordert werden können. „In ein bis zwei Tagen ist das Buch auf dem Weg zum Kunden“, versichert Baumann. Die Ausstattung ist schlicht, aber robust. Die Preise bewegen sich zwischen 8 und 18 Euro. Sehr studentenfreundlich, weil auch Studienliteratur im Angebot ist. Das Layout ist zweckdienlich. „Wir achten auf die Einhaltung des Corporate Designs der Uni“, erläutert Baumann. Als Bibliothekar weiß man hier auch ISBN-Nummern zu vergeben und die Anforderungen eines genauen Bibliographierens zu erfüllen. Gewinn kann und will der Uni-Verlag nicht machen. Denn er arbeitet als Dienstleister für die Institute und Lehrstühle der Universität. Von ihnen werden die Veröffentlichungskosten getragen. Dafür bekommen sie die Einnahmen aus dem Buchverkauf zurück.

Mit fünfzig jährlichen Neuerscheinungen haben Baumann und Schobert ihre Kapazitätsgrenze fast erreicht. „Wir werben gar nicht mehr dafür, bei uns Print-Ausgaben zu veröffentlichen“, sagt Schobert. Was immer erwünscht bleiben wird, sind natürlich Online-Publikationen. Ab sofort können sogar Studentenarbeiten herausgegeben werden. Vorausgesetzt, die Abschlussarbeiten wurden mit „sehr gut“ bewertet.

Wenn, wie im letzten Jahr, Anfang Oktober die Gemeinschaft der Uni-Verlage ihre Arbeit auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen wird, ist auch Potsdam wieder dabei. „Die auf dem Publikationsserver gesammelten wissenschaftlichen Arbeiten unserer Universität sind ein wichtiges Aushängeschild“, weiß Schobert. Deswegen hat sie auf der Messe immer auch Broschüren für Studienanfänger dabei. Matthias Hassenpflug