Wissenschaft : Die Schönheit der Suren

Das Corpus Coranicum erforscht die Entstehung und Auslegung des Koran. Deutschlands größtes Programm der Geisteswissenschaft wird am Neuen Markt in Potsdam koordiniert

Richard Rabensaat
Auslegungssache. Die Interpretation einer heiligen Schrift ist immer auch eine Frage der Auslegung und Überlieferung. So kann es beispielsweise sein, dass die sprichwörtlichen Jungfrauen des Paradieses durch einen Lesefehler des Koran zustande gekommen sind, während eigentlich Weintrauben gemeint waren.
Auslegungssache. Die Interpretation einer heiligen Schrift ist immer auch eine Frage der Auslegung und Überlieferung. So kann es...Foto: dpa

Auf Rollen aus Wachs finden sich frühe Tonaufnahmen des Koran. Der Orientalist Gotthelf Bergsträßer hatte sie auf seinen Forschungsreisen zur Entstehung des Koran angefertigt. Die Walzen und 12 000 Fotografien von Koranhandschriften und Lesartwerken, die Bergsträßer in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts anfertigte, wertet derzeit das Forschungsprojekt Corpus Coranicum aus, das seinen Sitz in Potsdam hat.

Die Schönheit des Koran offenbare sich besonders durch die Rezitation, schreibt der Islamwissenschaftler Navid Kermani. Dementsprechend hat sich eine eigene Vortragskunst zum Islam herausgebildet: die „Kiraa“. Für das Corpus Coranicum, ein Forschungsprojekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, sind die Arbeiten und Tonwalzen Bergsträßers noch heute eine wichtige Quelle der Koranrezeption.

SCHARIA ALS AUSLEGUNG

Im Gebäude am Neuen Markt haben sich die Wissenschaftler des Corpus-Coranicum-Projektes der Erforschung des nach der Bibel wichtigsten Glaubenswerkes der Menschheit verschrieben. Anders als der noch häufiger produzierte Glaubenstext der Christen wird der Islam von gegenwärtig rund 1,57 Milliarden Muslimen täglich rezitiert und ist Richtschnur ihres Lebens- und Rechtsverständnisses. Dennoch enthält das Glaubenswerk keine strikten Rechtsvorschriften.

Die Scharia, die Gesamtheit der Rechtssätze des Islam, lässt sich aus dem Koran nicht unmittelbar ableiten, sondern beruht auf eine Auslegung und letztlich der Fortschreibung von Gewohnheitsrecht, das sich allenfalls am Koran orientiert hat. Deshalb ist das Forschungsprojekt so wichtig: es bezieht weitere historische Quellen und die Entstehungsumgebung des Koran in seine Forschung mit ein. „Wenn Sie beispielsweise versuchen, unmittelbar aus dem Islam Anteile für die Verteilung eines Erbes herzuleiten, werden Sie verzweifeln“, kommentiert der Islamwissenschaftler Michael Marx vom Corpus Coranicum. Denn: Mathematisch exakt sind die Verse des Koran nicht. Auch andere Regeln für den Gläubigen stünden dort nicht mit der Klarheit, wie von Predigern gelegentlich behauptet.

Auch verändern sich Stil, Duktus und Inhalt des religiösen Schriftstücks innerhalb der 114 Suren erheblich. „Beispielsweise der Alkohol. Was ist eigentlich Alkohol? Gehört schon vergorene Milch dazu?“, fragt Marx. Wein wird an verschiedenen Stellen des Koran erwähnt und ist erst Genussmittel, wird aber schließlich als „Gräuel“ und „Satans Werk“ gebrandmarkt.

RELIGION UND GEWALT

Im Koran finden sich Stellen, an denen Toleranz gegenüber Andersgläubigen hochgehalten wird. Allerdings finden sich auch andere Stellen, wonach diese am besten zu liquidieren sind. In seiner Widersprüchlichkeit unterscheidet sich der Koran daher nicht wesentlich von der Bibel, die in ihrem Alten Testament den strafenden Donnergott zeigt, der gerne auch ganze Städte in Schutt und Asche versinken lässt und im neuen Testament den verzeihenden und aufopferungswilligen Gottessohn präsentiert.

Der Koran-Wissenschaftler Ghassan El Masri vom Corpus Coranicum weist darauf hin, dass der Koran ein sehr vielfältiger Text ist, auch in Bezug auf das Verhältnis von Religion und Gewalt: „Die Entstehung des Koran zeigt eigentlich die Karriere einer Narration, die der Entstehung und Entwicklung einer Gemeinde folgt. Daher finden sich auch verschiedene Passagen über die Gewalt. Eine sagt: Sei gut zu deinem Nachbarn. Die andere sagt: Mach Krieg mit allen Ungläubigen! Notwendig ist, immer genau zu schauen, in welchem Zusammenhang gesprochen wird, denn es gibt unterschiedliche Bezüge.“

Das in Potsdam angesiedelte Projekt unternimmt nun den Versuch, aus vielen Fassungen und Fragmenten des Koran eine Vergleichsdatei zu erstellen, die Unterschiede deutlich macht und zeigt, wo verschiedene Auslegungsmöglichkeiten und Unterschiede bestehen. Dabei ist allerdings Detailarbeit gefragt. Jedes Wort und jeder Punkt will genau untersucht werden. Denn schon geringe grafische Abweichungen in der Typologie können erhebliche Sinnverschiebungen ergeben. Hierfür hat das Projekt einen eigenen Schriftfont entwickelt: Coranica. Die Schwierigkeiten der verschiedenen grafischen Interpretationen der Koranschrift sind offensichtlich. Ein Orientalist stellte etwa die These auf, dass die sprichwörtlichen Jungfrauen des Paradieses nur durch einen Lesefehler zustande gekommen seien, und es sich dem Wort Mohammeds entsprechend eigentlich um Weintrauben handele, die im himmlischen Garten Eden verheißen werden.

Erschwert wird die Deutung des Schriftmaterials auch dadurch, dass eine chronologische oder narrative Ordnung, wie sie beispielsweise der Bibel zugrunde liegt, nicht existiert. Eine grobe Orientierung bietet die Länge der Suren. „Aber auch das stimmt bei wenigstens 20 Prozent der Suren nicht“, erklärt aber Marx. Insbesondere die Eröffnungssuren sind eher kurz. Besonders wichtig ist es daher, Alter und Entstehungsumstände der historischen Textfragmente beispielsweise mittels Tintenanalyse und Radiokarbonmethode zu bestimmen.

Mit dem Forschungsprojekt schließt sich das Corpus Coranicum an eine schon lange zurückreichende Tradition an. Bereits Jakob Georg Christian Adler fertigte im 17. Jahrhundert erste Studien zu Handschriften und Paläografie an. Eine erste systematische Auseinandersetzung mit dem Text begann schon vor dem 11. Jahrhundert, als der Islam in Spanien eine Hochblüte erlebte und das Geistes- und Wissensleben blühte.

18 JAHRE FORSCHUNGSARBEIT

Eine weitere Schwierigkeit des auf 18 Jahre angelegten Forschungsprojektes besteht darin, dass es eine kanonisierte Fassung des Korans nicht gibt. Herangezogen wird der arabische Text der ältesten Handschriften in seiner Differenz zur Kairiner Druckausgabe von 1924. Zunächst wurden die göttlichen Eingebungen, die Mohammed dem Glauben entsprechend um 610 n. Chr. unmittelbar vom Engel Gabriel erhalten hatte, mündlich überliefert. Ziemlich bald aber begann die neu entstehende Glaubensgemeinde, ihre Verse schriftlich festzuhalten. Der recht erfolgreiche Feldherr Kalif Osman ließ dann um 640 n. Chr. die versammelten Schriftteile zu einem Korpus zusammenfassen. Allerdings: „Ein Koran, der auf den Kalifen Osman zurückgeht, ist nicht nachweisbar“, sagt Michael Marx. Daher ist es wichtig, das Alter der Schriftteile, die für die Forschung ausgewertet werden, genau zu bestimmen.

HISTORIE STATT DEUTUNG

Das streng wissenschaftlich grundierte Projekt, das sich ausdrücklich nicht als Exegese des Korans versteht, mag manchen gläubigen Muslimen ein Dorn im Auge sein. Denn über die Auslegung des Koran wachen weltweit die Religionslehrer der Al-Azhar-Moschee in Kairo. Und die herrschende Meinung innerhalb der Glaubensgemeinschaft geht noch immer dahin, dass Gottes Wort, vermittelt durch seinen Propheten Mohammed, streng wörtlich aufzufassen und eben nicht auszulegen sei. Dennoch existiert eine lange Tradition der Auslegung und Einbindung des Koran in seinen historischen Kontext.

Das Corpus Coranicum unternimmt den umfassenden Versuch, das Umfeld seiner Entstehung und Auslegung in die Forschung miteinzubeziehen. Damit ist es das derzeit größte geisteswissenschaftliche Forschungsprogramm der Bundesrepublik Deutschland, das von acht Akademien getragen wird.