• Die Illusion vom freien Willen Hirnforscher diskutieren über Handlungsfreiheit

Wissenschaft : Die Illusion vom freien Willen Hirnforscher diskutieren über Handlungsfreiheit

Richard Rabensaat
Black Box. In welchen Hirnarealen entstehen menschliche Entschlüsse?
Black Box. In welchen Hirnarealen entstehen menschliche Entschlüsse?Foto: dpa

In der Regel weiß der Mensch nicht, was er macht. Zu dieser Auffassung gelangten Forscher bereits 1965 durch ein Experiment, bei dem sie Hirnströme gemessen hatten. Die Vermutung wurde durch spätere Studien bestätigt. Die Forscher hatten Probanden jeweils aufgefordert, eine Bewegung zu einem willkürlichen Zeitpunkt auszuführen. Dabei hatten sie gemessen, wann entsprechende Hirnströme auftraten, die der Handlung vorausgingen. Libet ermittelte so einerseits, wann der Entschluss für eine Körperhandlung fällt, andererseits wann die handelnde Person sich dieser Bewegung bewusst wird. Er stellte fest, dass es eine Spanne von der Dauer etwa 100 Millisekunden gebe, die zwischen dem Bewusstsein und dem schon früher gefassten Entschluss zur Handlung liege.

Die beiden Potsdamer Wissenschaftler Reinhold Kliegl und Hans-Peter Krüger diskutierten nun in der Veranstaltungsreihe „Potsdamer Köpfe“, ob der Kopf denkt, oder man selbst. Gibt es einen freien Willen, oder wird der Mensch von seinem Hirn ferngesteuert, wenn dieses erst einmal programmiert ist? Zahlreiche Forscher folgerten aus den geschilderten Experimenten, dass erst nachträglich eine Rationalisierung an sich unbewusst vorgenommener Handlungen erfolge. Der Hirnforscher Wolf Singer ging sogar so weit zu behaupten, dass diese Erkenntnis Konsequenzen für die strafrechtliche Bewertung von schuldhaften Handlungen haben müsse. Schließlich könne niemand für Handlungen zur Verantwortung gezogen werden, derer er sich nicht bewusst sei und die nur deshalb ausgeführt worden seien, weil sein renitentes Hirn ihn dazu gezwungen habe.

Nach Ansicht dieser Forscher ist der „freie Wille“ eine Illusion, die sich aus hirnimmanenten Prozessen ergibt. Das Gehirn spiegelt dem Menschen vor, er könne Handeln und Wollen beeinflussen. Dass ein erheblich geringerer Teil des menschlichen Handelns bei vollem Bewusstsein geschieht, als gemeinhin angenommen illustriert Reinhold Kliegl mit Zwangshandlungen: „Der Süchtige, der unbewusst zur Zigarette greift oder die Person, die still sitzen will, aber ständig unwillkürliche Bewegungen mit Füßen oder Beinen ausführt, ohne sich dessen bewusst zu sein.“ Zudem unterliege der Körper einem Biorhythmus, der sich ebenfalls weitgehend unbewusst abspiele. Ohnehin sei die Frage, was unter einem „freien Willen“ zu verstehen sei.

Der Philosoph Krüger vertrat die Meinung, dass es sich bei dem freien Willen um eine Konstruktion handele, die im Wesentlichen aus geisteswissenschaftlichen und philosophischen Überlegungen resultiere. „Wir leben immer unter bestimmten Bedingungen, die stets auch unser Handeln beeinflussen. Eine Freiheit an sich gibt es nicht. Immer stellt sich die Frage, wovon und wozu wir frei sind. Daraus ergeben sich die konkreten Entscheidungen.“ Schon Hegel hätte den Begriff der präjudizierten Freiheit formuliert.

Andere Kulturkreise, wie beispielsweise der asiatische Raum, würden ohnehin eine andere Vorstellung vom „Ich“ pflegen. Dort agiere „das Ich“ in unterschiedlichen Rollen, abhängig davon, ob es sich beim Gesprächspartner um den Chef, die Eltern, oder jemand anderen handele. Diese Aufsplitterung des im Westen als Einheit gedachten „Ichs“ finde seine Widerspiegelung im menschlichen Hirn, erklärte Kliegel. Die Kognitionsforschung hätte die Zerstückelung des Bewusstseins in verschiedene Hirnregionen bestätigt.

Das Bewusstsein des eigenen Selbst gehe hauptsächlich aus der Reaktion anderer auf die eigenen Handlungen hervor. Die Vielzahl von Mustern, die das eigene Handeln prägen würden, rufe sich der einzelne kaum in Erinnerung. Ohnehin bestehe die Kommunikation mit anderen aus einem Wechselspiel von Identifikation und Distanzierung. „Die Maske, die wir dabei tragen, verdoppelt uns“, so Krüger. Trotz aller Zufälle wollten die beiden Forscher dem Menschen die Verantwortlichkeit für sein Handeln nicht völlig absprechen. „Vielleicht ist der freie Wille ja eine Täuschung, aber er führt zu nachdenkenswerten Handlungsalternativen“, konstatierte Krüger. Richard Rabensaat