Wissenschaft : Die Chemie der Tomate

Die Genforschung an Pflanzen macht in Deutschland rasante Forschritte. Doch die Disziplin leidet unter allgemeiner Ablehnung

Richard Rabensaat

„Die Entschlüsselung des Genoms der Tomate war eine Herkulesaufgabe“, stellt der Potsdamer Biologe Bernd Müller-Röber fest. Im vergangenen Jahr gelang die Entschlüsselung des Codes. Über die Fruchtbildung, die Chemie der Tomate, die Reifungsprozesse, ihren Zuckergehalt und deren Niederschlag in den Genen wollten Wissenschaftler Näheres wissen. Denn die Kulturpflanze nimmt in der Nahrungsmittelproduktion eine wichtige Stellung ein. Von ihr lassen sich Rückschlüsse auf nicht weniger als 1000 weitere Pflanzen ziehen, unter anderem auf Aubergine, Paprika und Tollkirsche. 14 internationale Wissenschaftsinstitute haben zusammengearbeitet, um das Tomatenrätsel zu knacken. Über 35 000 Gene verfügt die Tomatensorte Heinz 1706, diese liegen auf zwölf Chromosomen. „In den vergangen Jahren hat sich ein Quantensprung bei der Sequenzierung von Genen vollzogen, das geht jetzt ultraschnell“, sagt Müller-Röber. Dies gelte nicht nur für Pflanzen, sondern auch im medizinischen Bereich und für Tiergene. Der Quantensprung in der Entschlüsselungstechnik gehe allerdings nicht mit einem Fortschritt in der öffentlichen Debatte über die Gentechnologie einher, stellt Heike Baron, Expertin des Informationsdienstes I-Bio, fest.

„Grüne Gentechnologie“ war Thema einer Podiumsdiskussion der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Gentechnologiebericht“, der auch Müller-Röber angehört, setzt sich seit nunmehr elf Jahren mit der Entwicklung und der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Gentechnologie auseinander.

Sein Forschungsgebiet, die gentechnologische Veränderung von Pflanzen, werde in der öffentlichen Wahrnehmung sehr kritisch betrachtet, weiß Müller-Röber. Dies widerspreche allerdings der weltweiten Bedeutung der Technologie. Denn gentechnisch verändertes Saatgut sei weltweit auf dem Vormarsch. Betrug der Umsatz damit im Jahre 2000 noch rund drei Milliarden US-Dollar, so waren es im Jahre 2011 bereits 13,2 Milliarden. Dennoch sind im Herbst 2012 nur drei genveränderte Pflanzen in der EU für den Anbau zugelassen. Die Zahl der Freilandversuche mit genveränderten Pflanzen ist in Europa von 530 im Jahre 2001 auf 75 im Jahr 2012 gesunken. Insbesondere Spanien stehe der Gentechnologie nicht so kritisch gegenüber wie das restliche Europa, bemerkt Müller-Röber. Im sonnigen Süden werde der insektenresistente Mais Mon 810 in größerem Umfang angebaut. In Deutschland hingegen müsse jeder Bauer, der genverändertes Saatgut anbaut, fürchten, dass sein Feld zertrampelt werde, wenn dies öffentlich bekannt würde. „Ich habe viel Aufklärungsarbeit in Schulen und bei öffentlichen Diskussionen geleistet“, konstatiert der Forscher. Mittlerweile sei allerdings vielen Biologen die Lust auf öffentliche Diskussionen aufgrund des Gegenwindes in Medien und Bevölkerung vergangen. „Wir forschen eher im Stillen weiter“, so Müller-Röber. Das Forschen im stillen Kämmerlein sei allerdings ausgesprochen erfolgreich. Deutschland habe bei der Genfunktionsanalyse eine Spitzenstellung: „Da müssen wir dranbleiben“. Notwendig sei allerdings, die Spitzenforschungsergebnisse dann auch im Freilandversuch praktisch zu erproben. Dies sei leider kaum möglich.

Als Grund für die Skepsis gegenüber der Genforschung macht Heike Baron eine ideologisch grundierte, romantische Technikfeindlichkeit in Europa aus: „Gentechnologie berührt die Vorstellung von unberührter Natur. Sie wird als unnatürliche Modifikation von Organismen wahrgenommen.“ Allerdings würden auch Züchtungen, die nicht auf Genmodifikationen beruhten, schon immer Pflanzen massiv verändern. Richard Rabensaat

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