Wissenschaft : Die Blähungen von Idi Amin

Wie Prof. Martin Steyer und HFF-Absolventen dem Uganda-Blockbuster „Der letzte König von Schottland“ zum guten Ton verhalfen

Matthias Hassenpflug

Film, das sind zunächst einmal bewegte Bilder. Ihre Macht ist bekannt. Kevin McDonalds findet für die abenteuerliche Geschichte des jungen schottischen Arztes Nicholas, der durch Zufall zum Leibarzt und Vertrauten des Diktators Idi Amin wird, brutale, intensive und verstörende Bilder.

Wer aber am Dienstag im großen Kinosaal der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf (HFF) saß, der sah den Film „Der letzte König von Schottland“ mit den Ohren. Denn für den Ton des Oscar-prämierten Streifens zeichnete ein deutsches Team verantwortlich, das aus Mitarbeitern, ehemaligen Studenten und Absolventen der HFF bestand. Christian Conrad war als Supervising Sound Editor, Dominik Schleier als Dialog Editor und HFF-Vizepräsident Prof. Martin Steyer als Re-Recording Mixer für die amerikanisch-englisch-deutsche Produktion tätig.

Nach dem Film und vor dem Gespräch mit den drei für die hochrangige Ton-Auszeichnung „Golden Reel Award“ nominierten Sound-Fachleuten war die Macht der Bilder geschwunden. Für die Gänsehaut war nicht nur der brillante Schauspieler Forest Whitaker verantwortlich, der den Psychopathen Amin so eindrucksvoll spielt, sondern auch sein schwergängiger Atem, der im Raum so präsent war, als säße das Böse direkt vor dem Betrachter und blase ihm von ganz nah ins Gesicht. Hier berührt der Ton viel mehr als die Bilder und erzeugt so den wahren Kitzel.

Aber wie kamen die Deutschen überhaupt zu dieser internationalen Filmproduktion? Letztlich war entscheidend, erklärt Christian Conrad, dass mit „Tatfilm“ eine heimische Produktionsfirma beteiligt war, und ein Teil des Budgets nach Deutschland fließen sollte.

Um in dem 13 Millionen Pfund teuren Film den Job zu bekommen, musste Martin Steyer sogar vor einer Auswahljury vorsprechen und sein Ton- Konzept darlegen. So etwas wäre dem HFF-Vizepräsidenten und Mischtonmeister noch nie passiert, berichtet er. Steyer, muss man wissen, ist eine Kapazität auf dem Gebiet des Sounddesigns. Der Sound der Kinoerfolge wie „Napola“, „Fateless – Roman eines Schicksallosen“, „Requiem“ oder „Elementarteilchen“ trägt seine Handschrift.

Steyers Idee, mit dem Ton dem Bild auf seinem Weg von einer äußeren, realistisch angelegten Beschreibung zu einer psychischen, subjektiven Innensicht der beiden Hauptfiguren zu folgen, überzeugte Regisseur Kevin McDonald. Am Anfang erlebt der unerfahrene Nicholas Garrigan das bunte, lebhafte und chaotische Afrika. Der Ton unterstreicht diese Landschaftskizzen mit Gesängen und Geräuschen von Vögeln und Insekten. Christian Conrad erinnert sich noch gut an seine langwierigen Recherchen, die ihn auch in ornithologische Archive führten. „Wir wollten die Reichhaltigkeit Afrikas zeigen“, sagt Conrad dazu. Aus den Tonbändern der so genannten „second unit“, die zur Sicherheit am Drehort den Ton zusätzlich aufnimmt, wurden mühevoll Tonfragmente herausgesucht. Die Flatulation – vulgo der Furz –, von dem Nicholas den gepeinigten Idi Amin befreien kann, stand jedenfalls sehr plastisch im Raum.

Mit der Bedrohung, die der Diktator für das Leben des Arztes mehr und mehr darstellt, ändert sich auch der Charakter des Tons. Artifizielle Geräusche steuern nun fast unmerklich die Spannung

Dominik Schleier, der für die Dialoge zuständig war, konnte auf immerhin 80 Prozent verwertbaren Originalton zurückgreifen. Für jene Szenen, die nachsynchronisiert wurden, weil sie etwa in einem Auto spielten und dort die Nebengeräusche zu laut waren, wurden eigens Muttersprachler aus Uganda nach Berlin geflogen. Der Dialog-Editor gehöre zu denen, deren Leistung viel zu wenig anerkannt werde, sagt Conrad. „Forest Whitaker hat seinen Oscar nur wegen Dominik bekommen.“ Matthias Hassenpflug