Wissenschaft : „Der Beginn des modernen Medienkrieges“

Der Potsdamer Historiker Frank Bösch über die Medien im Ersten Weltkrieg, überschätzte Begeisterung, Trugschlüsse und rückständige deutsche Pressearbeit

Keine Bilder vom Kampf. Während des Krieges wurden in deutschen Zeitungen und in Filmen so gut wie überhaupt keine Bilder von Kampfhandlungen gezeigt. Allenfalls waren gestellte Bilder zu sehen, hier ein Truppführer mit seinen Soldaten 1915 an einem Waldrand an der Westfront.Alle Bilder anzeigen
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25.02.2014 20:15Keine Bilder vom Kampf. Während des Krieges wurden in deutschen Zeitungen und in Filmen so gut wie überhaupt keine Bilder von...

Herr Bösch, haben die Westalliierten den Ersten Weltkrieg durch den Einsatz moderner Medien gewonnen?

Die westliche Propaganda war tatsächlich der deutschen überlegen und sie förderte sicherlich die Bereitschaft, trotz großer Verluste und Entbehrungen durchzuhalten. Dass die Westalliierten deshalb den Krieg gewonnen hätten, ist jedoch vor allem eine Wahrnehmung, die in den 1920er-Jahren aufkam. Besonders die Nationalsozialisten glaubten, Deutschland habe wegen der westlichen „Hetzpropaganda“ verloren. Auch Hitler schrieb dazu in „Mein Kampf“, dass künftig Kriege wie in den USA wie Seife verkauft werden müssten. Entsprechend bauten die Nazis ab 1933 die Propaganda massiv aus. Im Zweiten Weltkrieg sollten nun eigene Propagandakompanien mit modernsten Mitteln den Krieg medial bewerben. Vor allem der Film und Illustrierte wurden professionell gestaltet, um nach westlichem Vorbild für den Krieg zu mobilisieren und eine erneute Niederlage zu verhindern. Dabei zeigte sich jedoch rasch, dass Propaganda allein nicht über Siege entscheidet.

Wie reagierten die Deutschen auf die westliche Propaganda?

Bereits 1916 führte der neidvolle Blick zu einer Professionalisierung. Es wurden zentrale Einrichtungen für die Propaganda geschaffen, wie die sogenannte Bufa, das Bild- und Filmamt, aus der dann die Ufa entstand. Das neutrale Ausland wurde, mit wenig Erfolg, mit Filmen und Bildern versorgt. Insbesondere die militärisch bedeutungslosen Flieger wurden als Helden verkauft. Auch Hindenburg gelang es, seinen Heldenmythos medial aufzubauen. In der Weimarer Republik wurde dann um die medial vermittelte Kriegserinnerung gekämpft.

Inwiefern?

Deutsche Zeitungen und Politiker protestierten auch in den 1920er-Jahren vielfach gegen ausländische Kriegsfilme, obgleich sie diese oft noch gar nicht kannten, weil sie eine Schmähung des deutschen Soldaten annahmen. Oft untersagte die deutsche Zensur solche Filme und die Ufa-Kinos boykottierten sie. In den Kinos kam es wiederholt zu Tumulten. Bei den Protesten gegen den pazifistischen US-Film „Im Westen nichts Neues“ trat 1930 besonders die NSDAP unter Goebbels hervor, die Stinkbomben im Kino warf und Besucher verprügelte.

Was machten die Westalliierten im Ersten Weltkrieg besser?

Die deutsche Heeresleitung setzte vor allem auf eine scharfe Zensur, auf Anweisungen an die Presse und klassische Printmedien. Diese Gängelung entsprach aber nicht mehr der modernen Medienwelt. In Großbritannien und den USA entstanden stattdessen kommerzielle emotionale Filme, die Front und Heimat miteinander verbanden. Sie zeigten Einzelschicksale, etwa über Frauen und Kinder in Belgien, die den barbarischen deutschen Soldaten in die Hände fielen. Dies mobilisierte Soldaten und die „Heimatfront“ für den Krieg. In Deutschland wurden dagegen kaum Filme gefördert.

Warum war Deutschland hier rückständig?

Die deutsche Regierung und Heeresleitung hielt eine moderne Medienpropaganda zunächst nicht für nötig. Sie ging von einem schnellen Sieg aus und überschätzte die Kriegsbegeisterung. Zum anderen hatte sie größere Vorurteile gegenüber Journalisten und den Medien. Eine vergleichbare Zusammenarbeit mit Journalisten wie in Großbritannien gab es nicht. Während die Briten ihrem größten Presseverleger, Lord Northcliffe, die Koordinierung der offiziellen Propaganda übertrugen, wurden deutsche Verleger oft misstrauisch als Liberale oder Juden ausgegrenzt. Filme galten der Reichsleitung zudem als verruchtes Medium.

Es gab aber auch neue Ansätze.

Es gab zumindest einzelne Innovationen. Damals wurden einige Mechanismen der Presselenkung etabliert, die sehr lange fortgeführt wurden, zum Teil sogar bis in die DDR hinein. Die Reichs- und Heeresleitung hielt etwa nun regelmäßig Pressekonferenzen ab und gab direkt vor, was die Zeitungen zu schreiben hatten. Regelmäßige Presseanweisungen, die es in Ostdeutschland ja bis 1989 gab, schrieben vor, was die Medien wie zu platzieren hatten, was im Vordergrund stehen sollte und worüber gar nicht erst zu berichten sei. Bereits die Nationalsozialisten übernahmen dies aus dem Ersten Weltkrieg.

War der Erste Weltkrieg der Beginn des modernen Medienkrieges?

In gewisser Weise schon. Propagandaschlachten mit gedruckten Flugblättern oder Zeitungen gab es zwar schon seit dem 16. Jahrhundert. Ebenso waren Filme schon in den Kolonialkriegen um 1900 eingesetzt worden, etwa im Burenkrieg. Aber im Ersten Weltkrieg setzten nun zahlreiche Länder Film, Fotos und Illustrierte permanent als zentrale Mittel ein. Vor allem Spielfilme erwiesen sich als neues wirkungsmächtiges Massenmedium an der Heimatfront. Auch Fotos gab es erst seit 1900 regelmäßig in Illustrierten und Zeitungen, die nun den Kampf heroisierten. Insofern wurde im Ersten Weltkrieg auf neuartige Weise visuell mobilisiert.

Welche Bilder wurden transportiert?

Beim Kriegsausbruch wurde das jubelnde Volk gezeigt und Soldaten, die begeistert in den Krieg zogen. Diese scheinbare Begeisterung war jedoch keineswegs repräsentativ. Es gab während der Julikrise auf den deutschen Straßen viel mehr Demonstranten gegen den Krieg als Jubelchöre, auch in Berlin. Aber die Medien, insbesondere die bürgerlichen Zeitungen, vermittelten ein ganz anderes Bild, das lange Zeit auch die Erinnerung prägte.

Welche Fotos kamen von der Front?

Es gab im Verlauf des Krieges so gut wie überhaupt keine Bilder direkt vom Kampf, allenfalls gestellte Bilder oder Filmaufnahmen. Verletzte oder gar Tote waren nicht zu sehen, sodass die Vorstellung vom Krieg idealisiert blieb. Vielmehr wurden Bilder hinter der Front gezeigt, Alltagsbilder von Soldaten, eher entspannte Bilder aus dem Schützengraben, wo Männer sich gemütlich eingerichtet hatten. Je mehr Soldaten auf Heimaturlaub aber vom Grauen an der Front berichteten, umso mehr wurden diese Bilder dann als Propaganda entlarvt.

Was war in den Kinos zu sehen?

Der bislang sehr internationale Film wurde mit dem Kriegsausbruch schlagartig ein nationales Medium. Die bisher beliebten französischen Filme und Wochenschauen wurden sofort verboten. Den Krieg zeigten zum einen kurze dokumentarische Filme, bei denen zum Beispiel marschierende Soldaten zu sehen waren, aber eben keine Kampfhandlungen. Das wurde groß angekündigt von den Kinos, da die Menschen begierig waren, etwas vom Krieg zu sehen. Die Kinos waren völlig überfüllt, es gab Sondervorstellungen. Viele Zuschauer verließen dann aber enttäuscht das Kino. Angeblich lachten Soldaten sogar im Kino, weil die Aufnahmen kaum etwas mit dem realen Krieg zu tun hatten.

Romanzen waren sicher beliebter?

Schon damals mobilisierten einzelne Spielfilme für den Krieg. So finden sich auch in Deutschland Liebesgeschichten, bei denen etwa ein Soldat zur Front ausrückt, seine Frau verlassen muss, wieder heimkommt und mit dem Soldatenerlebnis zum Helden wird und am Ende bei seiner Heirat Klassengrenzen überbrücken kann. Solche Propagandafilme, die emotional für den Krieg warben, waren aber typischer für Großbritannien und die USA. Ein britischer Erfolgsfilm wie „Battle of the Somme“ zeigte aber zudem auch das tatsächliche Kriegsgeschehen, die Schützengräben und Kriegsgefangenen. Mit beidem nahmen sie auf eine ganz andere Art und Weise emotional ein.

Die englische Presse galt vor Kriegsausbruch als deutschfeindlich.

Bis heute debattieren wir, wie man den Ausbruch des Weltkrieges erklären kann. Den Medien wurde lange eine Mitschuld daran gegeben, insbesondere auch der englischen „Hetzpropaganda“. Tatsächlich haben verschiedene Studien gezeigt, dass die englischen Blätter 1914 mehrheitlich eher zurückhaltend waren. Die dortigen Medien hatten, wie auch die deutsche Presse, vielmehr Angst vor einem Krieg. Sie warnten vor ihm und betonten – und das ist der entscheidende Punkt – eine unausweichliche Kriegsgefahr. Dies wiederum dürfte auch Politiker beeinflusst haben. Wenn man Christopher Clarks Metapher von den „Schlafwandlern“ aufgreift, könnte man sagen: Medien spendeten die Träume, die die Schlafwandler einlullten.

Mit welchen Folgen?

Die Zurückhaltung der englischen Medien förderte bei den deutschen Entscheidungsträgern den Trugschluss, England würde nicht eingreifen. Da die Deutschen es gewohnt waren, dass ihre Medien stark gelenkt wurden, sahen sie dies als offizielle Meinung an. Tatsächlich waren die britischen Medien jedoch viel weniger an Regierung und Parteien gebunden. Während des Krieges sahen dann auch in England die Medien größtenteils die Notwendigkeit des Krieges und unterstützten ihn nachdrücklich.

Wie auch in Deutschland?

Hier stellte sich relativ schnell ein starker Patriotismus ein. Im Grunde genommen bildeten nur Teile der sozialdemokratischen Presse die Ausnahme, wie etwa die linksstehende Leipziger Volkszeitung. Aber selbst hier gab es am Anfang kaum kritische Stimmen. Das setzt erst später ein, 1915/16.

Dennoch gab es auch Kritik, etwa im „Vorwärts“ und im „Berliner Tagblatt“.

Das blieb nicht ohne Folgen. Verschiedene Zeitungen und Artikel wurden verboten, es kam auch vereinzelt zu Verhaftungen. Auch sehr prominente Journalisten wie Theodor Wolf bekamen die Zensur nun zu spüren. Es gab Zensurparagrafen, die nicht nur Berichte über Militärisches untersagten, sondern auch dazu dienten, die Stimmung in der Heimat positiv zu halten. Mit dem Krieg wurde offiziell eine Kriegszensur eingeführt. Es gab einen Notstandsparagrafen, es gab einen Katalog, der spezifische Berichtsverbote aufführte. Und dann gab es schließlich ein sogenanntes Zensurbuch, ein Buch mit ganz detaillierten Anweisungen, was alles nicht berichtet werden durfte.

Also galt schon damals, dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist?

In der Tat. Gerade in konservativen Zeitungen dominierten bis zum Kriegsende die Erfolgs- und Jubelmeldungen. Viele waren deshalb im Herbst 1918 so überrascht, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. Sie hatten in den Pressemeldungen immer nur vom Vorrücken der eigenen Truppen gehört. Dies förderte das Aufkommen der Dolchstoßlegende, also die Verschwörungstheorie, dass die Soldaten im Felde unbesiegt geblieben seien und sozialdemokratische Politiker in der Heimat die Niederlage akzeptiert hätten. Insofern belastete die Medienpropaganda die erste deutsche Demokratie.

Es gab auch andere Informationen.

Wer wollte, konnte sich anders informieren. Die sozialdemokratischen Medien berichteten längst kritischer, auch linksliberale Zeitungen wie das „Berliner Tageblatt“. Es gab auch weiterhin ausländische Zeitungen zu kaufen, auch aus der neutralen Schweiz. Und vor allem erzählten auch Soldaten, die nach Hause kamen, von dem Grauen des Kriegs und der schwierigen Lage. Aber im Großen und Ganzen prägten die Medien durch ihr langes Festhalten am Sieg bis zum Oktober 1918 dennoch die Stimmung.

Man kann also von einer starke Medienwirkung sprechen?

Medien geben uns eine Vorstellung von der Welt, bilden Sichtachsen und bieten Vorschläge zur Beurteilung. Auch wenn diese Meinungen nicht einfach übernommen werden, kann man gerade in emotionalisierten Kriegssituationen oft von einer hohen Wirkungsmacht der Medien sprechen. Zugleich hängt die Akzeptanz und Deutung von Medien stark von bestehenden kulturellen Dispositionen ab. Das gilt gerade für Deutschland mit seinen sehr unterschiedlichen Milieus.

Was kann man aus der damaligen Propaganda im Ersten Weltkrieg für heutige Kriegsberichte lernen?

Kriegspropaganda, die vornehmlich auf Zensur und Lenkung beruht, kann allenfalls in der Anfangsphase die Bevölkerung einnehmen. Dann finden Medien eigene Wege, um zu berichten. Zudem durchschauen die Mediennutzer zunehmend gestellte Aufnahmen, was sie dann generell misstrauisch macht. Effektiver ist eine offenere Kooperation und Einbindung von Journalisten und Medienproduzenten. Das zeigte sich bei allen Kriegen bis zur Gegenwart.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs sprechen die PNN in den kommenden Monaten mit Potsdamer Wissenschaftlern über Hintergründe, Begebenheiten und Auswirkungen dieses Krieges.