Wissenschaft : Den Blick im Blick

Was machen die Augen, wenn wir lesen? Potsdamer Psychologen schauen genauer hin

Antje Horn-Conrad

Rücklings auf einem Stuhl sitzen, das vorgestreckte Kinn ruht auf einer Ablage, die Arme liegen auf dem Tisch, eine Kamera-Apparatur umspannt die Stirn – nun nicht mehr bewegen. Die Augen fixieren einen Punkt auf dem Bildschirm. Dann erscheint ein Satz und er beginnt, der erste Versuch einer dreiteiligen Testserie. Blickbewegungen beim Lesen sollen gemessen werden. Daten für ein Psychologen-Team der Universität Potsdam.

Wer sich diesen Tests unterzieht, kommt freiwillig in die psychologische Forschungsstelle in der Gutenbergstraße. Aus Neugier, aus journalistischem Interesse oder einfach nur, um etwas Nützliches zu tun. Schon der erste Blick in den Monitor entschädigt für die kleine Anstrengung. Überdimensional groß leuchten dort, live übertragen, die eigenen Augen, dieses empfindlichste, lebendigste äußere Organ, das millisekundenschnell reagiert, aufgeregt zucken, aber auch still verharren kann.

Petra Grüttner, die die Tests leitet, erklärt Wort für Wort, was zu tun ist. Das Meditative in ihrer Stimme löst die leichte Anspannung. Einzelne Sätze sind zu lesen, so schnell oder so langsam, wie man es eben am besten kann. Dabei zeichnet die Kamera jede noch so winzige Bewegung der Augen auf. Je sechs Muskeln halten unser Sehorgan in Bewegung. Entgegen des subjektiven Eindrucks wandern die Augen nie langsam und gleichmäßig von einem Punkt zum anderen, sondern springen in raschen Rucken, so genannten Sakkaden. Dazwischen treten Fixationsperioden auf, in denen der angepeilte Reiz verarbeitet werden kann.

Was aber genau passiert bei so hochkomplexen Prozessen wie dem Lesen, fragen die Potsdamer Forscher. Was steuert die Blickbewegungen? Gibt es verschiedene Lesetypen? Welche Strategien verfolgen sie? Ein Stück Grundlagenforschung in der kognitiven Psychologie, die vielleicht einmal helfen kann, Lesestörungen zu erklären und wirkungsvolle Therapien zu entwickeln.

Die Tür geht auf, Wind zieht durchs Labor. Dr. Antje Nuthmann hat unlängst zum Thema promoviert. Sie gestikuliert euphorisch, als sie erklärt, was die Augen im Normalfall beim Lesen tun: Sakkaden führen von einem Wort zum anderen. In dem Satz „Der Skandal hat dem Ruf des Politikers deutlich geschadet“, fixiert ein Proband zunächst die ersten drei Worte, überspringt dann das offensichtlich nebenbei mitgenommene Wörtchen „dem“, landet bei „Ruf“ und „Politiker“, kehrt aber doch zum übersprungenen „des“ zurück, um den Sinn des Satzes zu erfassen. Lange oder schwierige Worte wie das abschließende „geschadet“ werden mehrfach fixiert. In rasantem Tempo scrollt die junge Wissenschaftlerin am Notebook durch die über 200 Seiten ihrer Dissertation und hat in Sekundenschnelle die Diagramme gefunden, mit denen sie ihre Ergebnisse auf den Punkt bringt. Welche Blickbewegungen, welche Sprünge und Fixationslängen hätte die Kamera wohl aufgezeichnet, wäre sie soeben dabei gewesen? Sicher hängt die Art des Lesens auch von den kognitiven Voraussetzungen, von der Intelligenz und dem Sprachgefühl des Einzelnen ab. Deshalb erfasst Versuchsleiterin Petra Grüttner parallel zu den Messreihen einige Daten zu Bildungsabschlüssen und Schulnoten und stellt mit witzigen Anagrammen und Zahlenspielen die Denkleistung auf die Probe.

Dann folgt die zweite Lesesitzung am Computer. Gänzlich zur Ruhe kommen die Augen dabei nie, erklärt Petra Grüttner. Ein leichtes Zittern überlagert die Fixation. Der Blick driftet nach längerer Zeit ab und muss immer wieder neu fixiert werden. Mehr als 300 Probanden aus allen Altersgruppen hat sie für die Studie getestet. Eine solch komfortable Datenmenge bringt das Forscherteam um Leibniz-Preisträger Prof. Reinhold Kliegl und Prof. Ralf Engbert seinem Ziel näher. Es will die Steuerung und Dynamik der Blickbewegungen beim Lesen theoretisch erklären und mit der traditionellen empirischen Leseforschung verbinden. SWIFT heißt das hier entwickelte Modell, mit dem die empirischen Befunde simuliert und neue, empirisch testbare Hypothesen erzeugt werden können.

Wann und wo die Augen die einzelnen Worte fixieren, wie lange sie dort verweilen und ob sie deren Inhalt nur nacheinander oder, wie es die Potsdamer Forscher annehmen, auch parallel verarbeiten können – davon merken die Probanden nichts. Auch im dritten Versuch, bei dem kurze Meldungen zu lesen sind, bleiben die Blickbewegungen unbewusst. Zwischendurch stellt der Computer immer mal eine Frage, um zu testen, ob der Text tatsächlich gelesen und verstanden wurde. Mitunter schweifen die Gedanken tatsächlich ab. Stellt sich die Frage, was eigentlich geschieht, wenn man zwar liest, währenddessen aber an etwas anderes denkt und sich am Ende an das Gelesene nicht mehr erinnern kann. Antje Nuthmann zuckt mit den Schultern. Für dieses Phänomen gibt es noch keine Untersuchungsmethode. Es wird wohl ein Geheimnis bleiben.

Es werden noch Probanden gesucht, bitte unter Tel. 0331-275 50 80 melden.