• Das kollektive Gedächtnis ist subjektiv Mary Fulbrook sprach

Wissenschaft : Das kollektive Gedächtnis ist subjektiv Mary Fulbrook sprach

im Einstein Forum

Richard Rabensaat

Es gibt keinen objektiven Blick auf die Vergangenheit, sagt die Historikerin Mary Fulbrook. Der Begriff des „kollektiven Gedächtnisses“, mit dem Anschauungen zu historischen Vorgängen und Fakten zusammengefasst werden, sei daher viel zu ungenau. Die Vergangenheit präge die Gegenwart und die retrospektive Deutung geschehe stets vor dem Hintergrund aktuellen Wissens. Gerade in der Person Fulbrooks zeige sich, wie der familiäre Hintergrund für wissenschaftliche Forschung von Bedeutung sein könne, erklärte Frank Bösch Ko-Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF).

In ihrem 2012 erschienenen Buch „A small town near Ausschwitz“ hat Fulbrook beschrieben, welchen Anteil der Mann ihrer Patentante an den Verbrechen der Nazis hatte. Fulbrook entdeckte die nicht publizierten Erinnerungen von Udo Klausa, der als Landrat in Oberschlesien den Holocaust mitorganisierte. Dennoch meinte Klausa, eine weiße Weste zu haben, weil er „nur“ für Ordnung gesorgt habe: dass die Anordnung, den Judenstern zu tragen, befolgt werde, dass Juden keine öffentlichen Transportmittel benutzen. Alle Grausamkeiten, die er auch gesehen und angeordnet haben musste, habe er verdrängt, schreibt Fulbrook. Persönliches Erleben sei stets subjektiv geprägt, folgert sie. Es gelte nach dem Spannungsfeld zwischen individueller Anschauung und zeitgeschichtlich geprägtem Umfeld zu fragen. Beides wirke zusammen und präge letztlich die Vorstellung von der Vergangenheit. Dies gelte auch für diejenigen, die einen Zeitabschnitt nicht selber erlebt hätten.

„Die Identifikation mit Ereignissen kann Menschen in ähnlicher Weise prägen wie das unmittelbar Erlebte“, sagte die britische Wissenschaftlerin bei ihrem Vortrag im Einstein Forum. Auch könnten Menschen zur gleichen Zeit Ähnliches erfahren, aber doch ganz verschieden erlebt haben. Nicht alle Opfer der Naziherrschaft würden gleich betrachtet, es gebe durchaus „Opferhierarchien“. Fulbrook schildert das Beispiel eines wohlhabenden jüdischen Ehepaares, das es aufgrund seiner finanziellen Ausstattung geschafft hat, seiner drohenden Ermordung in einem Ghetto zu entgehen. Nach ihrer Flucht nach Israel sahen sich die Ehepartner mit der Frage konfrontiert, ob sie sich zu Recht „Überlebende“ nennen können. Überhaupt sei der Begriff des „Überlebenden“ im Zusammenhang mit dem Holocaust erst im Nachhinein geprägt worden. „Damals wusste ich nicht, dass ich ein Überlebender sein würde, ich dachte nur an Brot“, zitiert Fulbrook wiederum eine jüdische Stimme.

Fulbrook weist darauf hin, dass verschiedene Opfer der Nazis in ganz unterschiedlicher Weise auf die Vergangenheit blicken würden. „Sinti und Roma, Juden, Homosexuelle, politische Gefangene, alle entwickeln ein bestimmtes Narrativ, eine Geschichte, mit der sie die Vergangenheit beschreiben“, weiß Fulbrook. Lange hätte dies dazu geführt, dass über unmittelbar Erlebtes gar nicht öffentlich berichtet wurde. Die Worte, die Sprache hätten gefehlt. „Gibt es ein Steigen und Fallen einer bestimmten Deutung der Vergangenheit?“, fragt der Historiker und ZZF-Direktor Martin Sabrow in der anschließenden Diskussion.

Die Gesellschaft sei lange nicht bereit gewesen, Vergangenes zu thematisieren, meint Fulbrook. Dennoch seien „Erfahrungsgemeinschaften“ entstanden, in denen sich das Wissen um das Erlebte konstituiert habe. Diesen Erfahrungen stellt die Historikerin „Verbindungs-„ und „Identifikationsgemeinschaften“ gegenüber. Auch eine starke Verbindung zur Vergangenheit könne sich prägend auf das einzelne Leben auswirken. So verweist Fulbrook auf die Kinder der NS-Opfer, aber auch auf die Nachfahren von Naziverbrechern. Richard Rabensaat

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