• Das Feindbild Judentum Europäische Dimension des Antisemitismus

Wissenschaft : Das Feindbild Judentum Europäische Dimension des Antisemitismus

Lene Zade

In diesen Tagen werden in Österreich wohl nicht wenige Atlanten konsultiert, denn die FPÖ empfiehlt sich für das Europäische Parlament in Zeitungsinseraten mit dem Slogan „Kein EU-Beitritt für die Türkei und Israel“. Nun ist nicht anzunehmen, dass die Parteiideologen keine Geografiekenntnisse haben und deshalb versehentlich Israel in Europa wähnen. Naheliegender ist die Annahme, dass in der Zusammenstellung beider Ländernamen auf populistische Weise islamophobe und judenfeindliche Ressentiments genährt und für die Wahlwerbung benutzt werden, vermutet der Politikwissenschaftler Lars Rensmann, der am Montag zusammen mit Julius H. Schoeps über das „Feindbild Judentum“ im europäischen Kontext sprach.

Gemeinsam haben beide einen Sammelband unter diesem Titel veröffentlicht, der das Phänomen des Antisemitismus in Ost- und Westeuropa sowie im europäischen Vergleich untersucht. Die Forschungsergebnisse im Einzelnen vorzustellen, fehlte am Ende die Zeit. Allzu dringlich erwiesen sich solch grundsätzliche Fragen wie die nach einem strukturell neuen Antisemitismus oder nach der Aussagekraft von Statistiken zu antisemitischen Einstellungen.

Als Historiker, den sein Leben lang eben solche Fragen umtrieben, konstatierte Schoeps, dass all die antisemitischen Muster, denen er in den neueren Forschungen begegne, nicht neu seien, ob es der grassierende Antisemitismus in Japan sei, wo kaum Juden lebten, oder die Irritation über linken Antisemitismus. Den hätte es auch schon in der Gründerzeit der SPD gegeben. In diesem Sinne möchte Rensmann dann auch lieber von einem modernen Antisemitismus sprechen, der sich zwar neuer Chiffren bediene, aber das gleiche meine, wenn er vor Weltzionismus statt vor einem imaginierten Weltjudentum warne.

Die spezifische Dimension des Antisemitismus sei es, dass er als Welterklärungsform fungiere und damit nicht nur einen Vorurteilskomplex unter anderen darstelle. Er funktioniere wie Verschwörungstheorien, gegen die mit Vernunft kaum anzukommen sei. Genau das mache ihn ratlos, konstatierte Schoeps. Jemand, der sich mit Vorurteilen die Welt erklärt, fragt nicht, sucht nicht, sondern ist stattdessen mit seinem Weltbild zufrieden. So jemanden zu erreichen, sei kaum möglich. Aufklärung habe immer ihre Grenzen.

Sie sei dennoch nötig, betont Schoeps. Gerade in der Gegenwart, in der, wie Statistiken der letzten Jahre belegen, zunehmend mehr junge Menschen antisemitische Einstellungen zeigten. Das ist neu. Eine signifikante Trendumkehr im europäischen Maßstab, wie Rensmann hervorhob. Seit 1945 hatte der Antisemitismus in den jüngeren Altersgruppen systematisch abgenommen. Heute ist „Jude“ ein Schimpfwort auf Schulhöfen. Dies scheint nur ein besonders frappierendes Symptom dafür, dass es inzwischen akzeptiert wird, wenn judenfeindliche Stereotypen geäußert werden. Aussagen wie „Juden beherrschen die Finanzwelt“ würden in Frankreich und Deutschland rund 20 Prozent der Bevölkerung zustimmen, in Ungarn und Spanien seien es sogar nahezu 50 Prozent. Was hier artikuliert werde, sei kein neuer Antisemitismus. Die Wirtschaftskrise provoziere keinen Antisemitismus, sondern lediglich seine Artikulationsbereitschaft.

Grund genug für die beiden Wissenschaftler, ihre Forschungen zu intensivieren. Es gelte auch den kulturell tradierten Antisemitismus in den Köpfen zu erkennen. Auch bei den Staatsorganen. Es könne nicht sein, so Schoeps, dass Schändungen jüdischer Friedhöfe nur dann als politische Straftat kategorisiert werden, wenn die Täter Mitglieder rechtsradikaler Parteien seien. Lene Zade

Feindbild Judentum. Antisemitismus in Europa / hrsg. von Lars Rensmann und Julius H. Schoeps. Berlin (Verlag Berlin-Brandenburg) 2008.

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