Botanischer Garten in Potsdam : Im Naturschutz bundesweit führend

Der Kustos des Botanischen Gartens der Universität Potsdam, Michael Burkart, über das 70-jährige Jubiläum der Einrichtung, Botanik in Zeiten des Coronavirus und grüne Zeitzeugen.

Blühender Roseneibisch (Hibiscus rosa-sinensis) im Verbindungstrakt zwischen den Gewächshäusern.
Blühender Roseneibisch (Hibiscus rosa-sinensis) im Verbindungstrakt zwischen den Gewächshäusern.Foto: Andreas Klaer

Herr Burkart, die Feier zu 70 Jahren Botanischer Garten in Potsdam am 1. April musste ausfallen. Wie reagieren Sie auf die Coronakrise?

Unsere Gewächshäuser sind leider geschlossen, schon seit dem 14. März. Das Freiland ist aber geöffnet. Intern haben wir einen Notbetrieb eingerichtet mit vier komplett getrennten Mannschaften, damit wir bei Infektionen in der Belegschaft keinen Totalausfall haben. Das wäre für unsere empfindlichen Pflanzen fatal.

Was zeichnet diesen Garten heute aus?

Der Botanische Garten in Potsdam ist der einzige Botanische Garten im Land Brandenburg mit komplettem Angebot und hat damit im Land ein Alleinstellungsmerkmal. Im Naturschutz sind wir ein sehr engagierter Garten, hier sind wir bundesweit führend.


Zum Beispiel?

Wir haben drei große Projekte: Das eine kümmert sich um die in Deutschland sehr stark gefährdeten Pflanzen, für die wir eine besondere Verantwortung haben, weil sie überwiegend hier vorkommen. Das zweite ist ein Projekt zur Urbanität und Vielfalt. Beim ersten sorgen wir selbst für die Erhaltung der Pflanzen, beim zweiten geht es um nicht ganz so seltene aber auch gefährdete Pflanzen. Hier haben wir die breite Öffentlichkeit miteinbezogen. Beide Projekte sind kooperativ über mehrere Einrichtungen verteilt. Bei Urbanität und Vielfalt sprechen wir zusammen mit dem Botanischen Garten der Humboldt Uni Berlin Privatleute, Vereine und ähnliches an.

Was wird dabei gemacht?

Um die 1000 Leute haben von uns Pflanzen erhalten, die sie etwa in ihren Gärten vermehren können. Sie werden von uns auch in praktische Naturschutzarbeit eingebunden. Im dritten Projekt der EU geht es um die Wiederherstellung von Flächen unter Federführung des Naturschutzfonds Brandenburg.

Was ist von der Gründung des Gartens bekannt?

Es gibt ein Dokument vom 30. Dezember 1949, in dem es um die Gründung geht, andere sprechen vom Jahr 1950. Ein genaues Datum gibt es also nicht. Aber man kann sagen, dass es vor 70 Jahren war.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war auf dem Gelände die Parkgärtnerei Sanssouci untergebracht.
Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war auf dem Gelände die Parkgärtnerei Sanssouci untergebracht.Foto: Archiv, Aufnahme aus der Zeit des Ersten Weltkrieges

Und davor?

Es wurde das sogenannte Terrassenrevier der Parkgärtnerei Sanssouci für den Garten genommen, das bereits bestand. Das war ab 1945 zwischenzeitlich eine Außenstelle des Botanischen Gartens Moskau. Die Sowjets hatten damals Pflanzen und Kunstgegenstände requiriert, das galt als Reparationsleistung. Der Pflanzenbestand wurde 60 zu 40 geteilt, der größere Teil ging in die damalige Sowjetunion, der andere blieb hier. Als wenig später der Botanische Garten ausgegliedert wurde, wurde der Pflanzenbestand wieder zur Hälfte geteilt. Die mehr für Schauzwecke geeigneten Pflanzen – etwa Kübelpflanzen – verblieben beim Park der heutigen Schlösserstiftung, die wissenschaftlich interessanteren Sachen – etwa Orchideen – hat der Botanische Garten als Gründungsstock erhalten.

Wer forschte damals in dem Garten?

Die brandenburgische Landeshochschule war bereits 1948 gegründet worden, sie wurde dann zur Pädagogischen Hochschule. Daran wurde der Garten angegliedert.

Die Pädagogische Hochschule diente seinerzeit aber doch hauptsächlich zur Lehrerbildung?

Das wird immer so behauptet. So ganz stimmt es aber nicht. Mit der brandenburgischen Landeshochschule war von Anfang an ein Forschungsprogramm verbunden. Die Potsdamer PH hatte Promotionsrecht, was andere Pädagogische Hochschulen nicht hatten. Das war auch nötig, sonst wären viele Wissenschaftler nach Berlin gegangen. Darüber bekam man dann auch aufstrebende Wissenschaftler, darunter Wolfgang Müller-Stoll, in Karlsruhe geboren, der die ersten zwölf Jahre den Garten leitete, bis er aus politischen Gründen aus der Hochschule entlassen wurde. Ein enorm zielstrebiger und tatkräftiger Mann mit einer breiten botanischen Herangehensweise, er bespielte sehr viele unterschiedliche Themen. Müller Stoll blieb in Potsdam, weil er hier etwas aufbauen wollte, und dazu gehörte auch ein Garten für die Forschung und Lehre.

Woher stammen die Gewächshäuser?

Der ganze Komplex wurde 1908 bis 1912 errichtet, er stand zuvor dort, wo heute die Jubiläumsterrassen liegen. 1913, zum 25. Thronjubiläum von Wilhelm II., musste aber das Gartenrevier weichen, auch das sogenannte Hofgärtnerhaus. Das wurde alles etwa 200 Meter nach Westen verschoben, und in dem Zuge wurde der heutige Gewächshauskomplex errichtet, einschließlich des Palmenhauses. Damit bekam die Monarchie in Potsdam auch ein repräsentatives Gewächshaus. 1950 konnte der Komplex dann als recht stattliche Keimzelle für den Botanischen Garten dienen. Erst damit begann die Forschung – zuvor war es eine reine Parkgärtnerei, unter anderem mit zwei Schaugewächshäusern nur für Orchideen.

Nur Orchideen?

Die waren damals gerade schwer in Mode. Solche Pflanzen wurden wesentlich weniger als heute im eigenen Haus gehalten, dafür ging man in die Gewächshäuser. Orchideen auf der Fensterbank gab es noch gar nicht, die Sorten, die es dafür heute gibt, existierten damals nicht.

Vom ältesten Bewohner des Gartens, einer 380 Jahre alten Eiche, ist heute nur noch ein toter Baumstumpf übrig.
Vom ältesten Bewohner des Gartens, einer 380 Jahre alten Eiche, ist heute nur noch ein toter Baumstumpf übrig.Foto: Michael Burkart

Haben Sie noch ein paar Zeitzeugen unter Ihren Zöglingen?

Unser ältester Mitbewohner ist leider vor fünf Jahren verstorben. Das war eine rund 380 Jahre alte Eiche, die im Paradiesgarten stand. Heute steht davon nur noch ein toter Hochstubben, sechs bis acht Meter hoch. Im Palmenhaus stehen zwei große Zwergpalmen, die um die 150 Jahre alt sind. Dann haben wir noch den großen Elefantenfuß im Kakteenhaus, auch hier wissen wir das genaue Alter nicht. Er ist schätzungsweise 100 Jahre alt. Damals wurde kein Wert auf Dokumentation gelegt. Man wollte die Pflanzen nur ihrer Schönheit wegen haben, nicht um Wissenschaft damit zu betreiben.

Methusalem. Der große Elefantenfuß im Kakteenhaus ist von Anfang an mit dabei.
Methusalem. Der große Elefantenfuß im Kakteenhaus ist von Anfang an mit dabei.Foto: M. Burkart

Und heute?

Seit der weitsichtig angelegten Gründung vor 70 Jahren, aber auch durch die Anstrengungen der vergangenen Jahre, sind wir zu einem sehr leistungsfähigen Botanischen Garten herangewachsen. Wegen der Größe sind wir sicherlich nicht in der allerersten Liga der deutschen Gärten, aber wir spielen in der Liga der normalen universitären Gärten sehr weit vorne mit. Unter beinahe 100 Botanischen Gärten in Deutschland gehören wir zu den zehn größten und wichtigsten. Unser Grünes Klassenzimmer, die „Kinderuni jeden Tag“, hat 4500 Besucher im Jahr. Die Einwerbung von Drittmitteln ist herausragend. Und der Pflegezustand des Gartens und seiner Sammlungen ist es auch.

Wie hat sich die Forschung entwickelt?

In den ersten zwölf Jahren unter Müller-Stoll war recht viel gelaufen, das ließ nach seinem Weggang dann etwas nach. Ich bin nun seit über 17 Jahren im Garten, ich versuche neben vielem anderen auch, die Forschung voranzubringen. Da könnten wir noch mehr machen als bisher läuft.

Aber?

Dass nicht mehr geforscht wird, liegt in erster Linie daran, dass die Interessen der Professoren unserer Universität und unser Pflanzenbestand nicht immer gut zusammenpassen. Das heißt, wir müssen mit unseren über 30 ausgewiesenen Spezialsammlungen, darunter auch die mutmaßlich größte Forschungssammlung weltweit in der Gattung Sansevieria – unser globales Alleinstellungsmerkmal – aktiv auf Partnersuche gehen. Das gehört zu meinen Aufgaben. Das geschieht zumindest auch in einigen Projekten. Das Wesen eines Botanischen Gartens ist letztlich aber das eines Museums.

Ein Museum?

Ein Museum mit besonderen Sammlungsobjekten, nämlich lebenden Pflanzen. Die sind über die 70 Jahre zu bemerkenswerten Sammlungen herangewachsen, die man nicht einfach so abschafft, um Platz für ad-hoc-Forschung zu generieren. Das wäre auch gar nicht zulässig. Eine registrierte Sammlung ist zu erhalten.

Wie viele Pflanzen haben Sie insgesamt im Botanischen Garten?

Pflanzenarten rund 8000, mit Unterarten und Sorten 10 000 und insgesamt über 16 000 einzelne Akzessionen, also Pflanzen unterschiedlicher Herkunft. Das Besondere an unserem Garten ist, dass fast alles von unseren Besuchern live erlebt werden kann. Wir haben einen sehr großen Schaubereich, Sammlungen die ausschließlich für die Forschung da sind, haben wir recht wenige. Das ist auch ein Erbe aus der Zeit als Pädagogische Hochschule, in der der Garten der Ausbildung der zukünftigen Lehrer diente. Das ist anders als in den meisten anderen wissenschaftlichen Gärten, die nur relativ kleine Schaubereiche haben. Da können wir ruhig stolz drauf sein.

Man kann auch ganz unabhängig von der Pflanzenkunde einfach mal einen Nachmittag bei ihnen verbringen.

Ganz genau, es ist einfach schön hier.

Wer kümmert sich um Ihre 16 000 Mitbewohner?

Wir haben sechzehneinhalb Stellen für Gärtnerinnen und Gärtner, das ist durch die Bank hochqualifiziertes Fachpersonal. Die Betreuungsrelation liegt also bei 1 zu 1000, jeder Gärtner kümmert sich um rund 1000 Pflanzen.

Das klingt nach Stress.

Nein, die Pflanzen müssen nicht rund um die Uhr bespaßt werden. Das Verhältnis ist zwar auf Kante genäht, aber es funktioniert. Unsere Belegschaft ist wirklich hervorragend. Sonst würde es bei uns nicht so schön aussehen.

Haben Sie einen besonderen Liebling?

Eine Pflanze, die ich auch auf Führungen gern herausstelle, ist unsere Clavija, die leider seit zwei Jahren nicht mehr richtig geblüht hat. Eine südamerikanische Schopfbaumart. Wenn sie blüht, ist sie spektakulär.

Die Clavija, eine südamerikanische Schopfbaumart, ist etwas Besonderes.
Die Clavija, eine südamerikanische Schopfbaumart, ist etwas Besonderes.Foto: M. Burkart

Ein Schopfbaum?

Ein Baum mit einem kleinen Stämmchen ganz ohne Verzweigungen. Die Pflanze ist über 60 Jahre alt, hat aber keinen einzigen Ast gemacht. Sie hat oben am Stamm in etwa drei Metern einen Schopf mit großen Blättern, etwa einen Meter lang. Davon hat sie viele, einen Schopf also. Die Pflanze stammt aus Kolumbien. Dort wurde sie in den vergangenen Jahren nur noch an drei Stellen wild wachsend nachgewiesen. Sie ist in der Natur wirklich selten. Und unterliegt gerade in den tropischen Wäldern einer großen Gefährdung. Nun kommt aber heraus, dass es die auch in anderen Botanischen Gärten gibt. Das erkunden gerade zwei unserer Studierenden.

Wozu das?

Unter anderem, weil die meisten Gärten nur weibliche Pflanzen zu haben scheinen. Wir brauchen aber dringend eine männliche, damit diese Pflanzen auch mal Samen ansetzen.

Sie arbeiten nicht nur in Potsdam.

International sind wir im Wesentlichen in Ostafrika unterwegs. Wir sind an der Städtepartnerschaft von Potsdam und Sansibar beteiligt. Dabei sind wir vor allem damit befasst, den dortigen Botanischen Garten wieder in Betrieb zu bringen, der ist rund 150 Jahre alt, also viel älter als unserer, hat die vergangenen Jahrzehnte aber brach gelegen. Das ist Teil eines Projekts, finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Und es laufen auch Forschungen dort.

Wie geht es weiter mit dem Botanischen Garten in Potsdam?

Wir sollten so weiter machen wie bisher, vor allem mit großen, kooperativen Drittmittelprojekten. Wenn wir in der aktuellen Intensität weiterarbeiten wollen, brauchen wir aber in absehbarer Zeit personelle Verstärkung, in der Öffentlichkeitsarbeit, im Bereich Kinder und Grünes Klassenzimmer wie auch in der Wissenschaft. Das lässt sich nicht alles mit Drittmitteln machen. Wir hoffen hier sehr auf die Unterstützung unserer Uni-Leitung.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

Kustos Michael Burkart.
Kustos Michael Burkart.Foto: Karla Fritze

Michael Burkart (59) ist Kustos des Botanischen Gartens der Universität Potsdam. 

Burkart arbeitet dort bereits seit mehr als 17 Jahren. Jüngst hat er eine Kooperation mit Sansibar vorangebracht.

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