Wissenschaft : Aufbruch zu neuen Brücken

Die Aufzeichnungen des Erbauers der Brooklyn Bridge, Johann August Röbling, sind an der Fachhochschule editiert worden

Richard Rabensaat
Ganze Arbeit. 18 Jahre brauchte die Brooklyn Bridge bis zu ihrer Vollendung.
Ganze Arbeit. 18 Jahre brauchte die Brooklyn Bridge bis zu ihrer Vollendung.Foto: dpa

Bitterkalt war der Winter 1845. Die nahezu starren Eisenlitzen für die geplante Hängebrücke ließen sich kaum zu Kabeln bündeln. Dennoch setzte der deutschstämmige Baukonstrukteur Johann August Röbling alle Kraft daran, die Pittsburgher Äquadukt-Hängebrücke rechtzeitig fertigzustellen. „Seine erste Brücke war für ihn seine schwerste Brücke“, kommentiert der Baugeschichtler Andreas Kahlow von der FH Potsdam den Bau der Brücke. Zusammen mit der Wissenschaftlerin Nele Güntheroth von der Stiftung Stadtmuseum Berlin hat er einen Teil der gut erhaltenen Materialien des Baugenies editiert.

Die erste vollständig eigene Baukonstruktion des Einwanderers Röbling in der damals noch „Neuen Welt“ gelang. Weitere sollten folgen. Etwa 1865 schließlich begann der Konstrukteur damit, die Brooklyn Bridge über den East River zu planen. Ihre Vollendung im Jahre 1883 sollte er nicht mehr erleben. Röbling verstarb am 22. Juli 1869 unmittelbar vor Baubeginn aufgrund einer Wundinfektion nach einem Bauunfall. Erst sein Sohn Washington Roebling vollendete das mit 486 Metern Spannweite monumentale Bauwerk. Noch heute prägt die Brücke weltweit das Bild New Yorks. Washingtons Frau Emily Warren Roebling überschritt sie als erste. Zuvor hatte sie ihren schwer kranken Mann Washington erheblich bei seiner Bauleitung unterstützt.

Röbling war im Mai 1831 von Deutschland nach Amerika ausgewandert. Nachdem der Sohn eines Tabakhändlers eine Ausbildung als Feldmesser abgeschlossen hatte, begann er ein Studium an der Berliner Bauakademie. In seiner Praktikantenzeit entwarf er mehrere Hängebrücken, deren Ausführung die preußische Bauverwaltung jedoch ablehnte. Eine eher unauffällige Brücke in Bamberg prägte seine spätere Arbeit. Es war eine Hängebrücke, an vier Ketten über die Regnitz gespannt. Das Bauprinzip, das Röbling hier gesehen hatte, sollte sein Leben bestimmen. Das Abschlussexamen seines Studiums legte Röbling jedoch wahrscheinlich nie ab, es fehlte das notwendige Praktikum.

In Amerika angekommen wunderte er sich, dass all die „riesigen Anlagen des New Yorker Kanals, des Ohio-Kanals, der Menge kleiner Kanäle, Straßen und Eisenbahnen“ entstehen konnten „ohne dass ein Herr von Regierungsräthen, Ministern und anderen Beamten zehn Jahre lang vorher darüber deliberiert“ hätten. „Ich bin mir nicht sicher, ob er sich in Deutschland genauso hätte durchsetzen können. Röbling ließ sich nicht in behördliche Abläufe einspannen,“ so Nele Güntheroth. Dennoch notierte Röbling jedes Detail seines Lebens mit preußischer Beamtengenauigkeit.

Teile seiner Studienliteratur nahm der Baumeister bei seiner Auswanderung mit, nachdem er sie zuvor ordentlich hatte binden lassen. Die immer noch gut erhaltenen Bücher bilden die Grundlage für zwei Veröffentlichungen von Kahlow und Güntheroth. Der Baumeister archivierte nicht nur seine Studien-, sondern auch seine Einkaufsbücher und alle möglichen anderen Verzeichnisse. So lässt sich noch heute nachvollziehen, dass Sardellen mit Bier an einem Tag im Januar 1825 die Grundlage für das leibliche Wohl des Feldmessers bildeten.

Die akribische Sammelwut des Baumeisters erlaubt es, heute anhand der Aufzeichnungen nicht nur den Stand der damaligen Bau- und Konstruktionstechnik nachzuvollziehen, sondern auch ein umfassendes Bild vom alltäglichen Leben im 19. Jahrhundert zu zeichnen. „Wir haben die Listen im Detail veröffentlicht, weil nicht alles in einem Forschungsbericht versinken sollte“, erläutert Güntheroth. Das Journal, in dem Röbling seit dem 12. April 1824 sowohl seine persönlichen Notizen als auch seine Buchführung aufführte, stelle eine „bedeutsame bildungs- und sozialgeschichtliche Quelle für die Anfänge einer technisch-akademischen Bildung“ insbesondere des Bauingenieurwesens dar, bemerken die Autoren.

Akribisch beginnt der spätere Brückenbaupionier seine Aufzeichnungen mit der Bemerkung „den 12. Juni 1806 geboren“. Die Materialien reichen von „4 Paar baumwollne Schuhstrümpfe“, die Röbling in der Vorlesung über „Logik u. Methaphysick bei Professor Hegel“ im Winter 1824 trug, bis zum „first trip of an engine“ über die Niagara-Hängebrücke am 8. März 1855. Die Brücke und auch die Tragseile hätten keinerlei Vibration gezeigt, stellt der Baumeister erfreut fest.

Die Kabelkonstruktion und -herstellung und die damit verbundenen Patente machten Röbling zu einen reichen Mann und erfolgreichen Unternehmer. Seine Drahtseilfabrik bauten seine Söhne zur größten der Welt aus. Aus dem Schatten ihres Vaters konnten sie allerdings nicht heraustreten. Washington Roebling, den sein Vater mit seinen lebensbedrohlichen Wutausbrüchen fast zu Tode geprügelt hatte, vollendet zwar die Brooklyn Bridge. Doch fortan wurde er in der Öffentlichkeit mit dem Namen seines Vaters angesprochen.Schließlich gab er es auf, seine Identität von der des übermächtigen Erzeugers abzugrenzen. Richard Rabensaat

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!