Wissenschaft : Acht Seiten Lebenslauf

Professor Reinhard F. Hüttl ist seit Juni 2007 der neue Chef des GeoForschungsZentrums Potsdam

Juliane Wedemeyer

Er ist fast immer der Erste – bei allen Dingen, die er anpackt. Das Studium hat Reinhard F. Hüttl mit 1,0 bestanden, die Promotion mit „summa cum laude“. Und nun ist er seit zwei Monaten die Nummer eins am GeoForschungsZentrum (GFZ) auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Am 1. Juni hat er den jahrelangen Vorstandsvorsitzenden Prof. Rolf Emmermann abgelöst. „Ich habe mir aber nicht gesagt: In fünf Jahren will ich GFZ-Chef werden“, erzählt Hüttl. So etwas ergebe sich.

Das war schon vor 50 Jahren so: Reinhard Franz Hüttl erblickte am 1. Januar das Licht der Welt – nicht als ein Baby unter vielen, sondern als erster Regensburger des Jahrgangs1957. Mittlerweile scheint sich Hüttl daran gewöhnt zu haben, immer ganz vorne mitzuspielen. Er spricht ganz selbstverständlich über seine Erfolge, zählt sie auf. Von bescheidener Zurückhaltung hält er offenbar nichts, aber auch nichts von Prahlerei. Er versucht schlicht zu erklären, warum gerade er gebeten wurde, die national und international renommierte Potsdamer Wissenschaftseinrichtung zu leiten.

Zum Beispiel, weil das GeoForschungsZentrum in die Gesellschaft und die Politik hineinwirken wolle. Und er auf diesem Gebiet bereits Erfahrungen hat: Er gehörte in den 90ern zu den „sieben Umweltweisen“, hat im Sachverständigenrat der Bundesregierung erst die damalige CDU-Umweltministerin Angelika Merkel beraten und dann ihren Nachfolger von den Grünen, Jürgen Trittin. Das heikelste Thema damals: das umstrittene Atommüll-Lager im ehemaligen Salzbergwerk im niedersächsischen Gorleben. „Wir haben kein endgültiges Urteil abgegeben, sondern auf die Probleme hingewiesen“ sagt Hüttl. „Aber auch auf die Notwendigkeit, dass, wenn man Kernenergie betreibt und diese Abfälle produziert, sie auch entsorgen muss – und zwar im eigenen Land. Man kann nicht den schwarzen Peter woanders hinschieben.“

Dass Geoforscher Hüttl eigentlich ein Mann des Bodens ist, sieht man ihm nicht an. Im Anzug sitzt er im Versammlungsraum im dritten Stock des GFZs – die Hände scheinen schon lange nicht mehr in der Erde gewühlt zu haben. Seine Fingernägel sind so gepflegt, als sei er gerade bei der Maniküre gewesen.

Während seiner Kindheit in Oberbayern ist er öfter mit dem Vater, einem Forstwirt, in den Wald gegangen. Zuerst haben ihn die Bäume fasziniert, doch als er die Erdlöcher der vom Sturm herausgerissenen Kiefern sah, begann seine Leidenschaft für den Boden. Mit den Armen umschreibt er die Krater , die die Wurzeln in die Erde gerissen hatten. In diesem Moment erahnt man den staunenden Jungen von damals: „Wo kommt der Boden eigentlich her?“ Die Frage treibt den Forscher seitdem an.

Seine Karriere begann mit dem Forstwissenschaftsstudium in Freiburg und an der Oregon State University in den USA, für die der vorbildliche Student ein Stipendium erhalten hatte. Studienschwerpunkt: Bodenwissenschaften. Danach folgten sechs Jahre Forschung in der Industrie bei „Kali und Salz“. 1990 lehrte er dann anderthalb Jahre an der University of Hawaii. Die Insel mit den 9000 Meter hohen Vulkanbergen, die 5000 Meter unter der Pazifikoberfläche beginnen und 4000 Meter aus dem Wasser ragen, ist geradezu ein Paradies für Geoforscher.

Nach der Wende ging er als Professor nach Brandenburg – auch weil die deutsche Arzt-Ausbildung seiner Frau in den USA nicht anerkannt wurde. In Cottbus half er, die Technische Universität aufzubauen, die schon damals mit dem GFZ zusammenarbeitete. Eine „hochspannende Zeit“. Dort habe er das Rüstzeug für das Management gelernt, so Hüttl, der an der BTU Prorektor war und den Lehrstuhl für „Bodenschutz und Rekultivierung“ heute noch inne hat.

2000 wurde der 50-Jährige für sechs Jahre in den Wissenschaftsrat berufen, in dem er die Regierung zum Hochschulsystem beraten hat. Noch immer engagiert er sich in mehreren wissenschaftlichen Gremien. In seinem achtseitigem Lebenslauf sind außerdem 15 Vereine und Verbände aufgelistet, in denen er Mitglied ist. So ist er einer der Initiatoren der „Deutschen Akademie der Technikwissenschaften“, die sich im Oktober gründen wird. Denn Hüttl ist wichtig, dass Wissenschaftler auch unabhängig forschen können – ohne den Einfluss von Politik oder Industrie.

An seinem neuen Arbeitsplatz verschafft sich Hüttl derzeit erst einmal den Überblick, woran seine Mitarbeiter im Detail forschen. An der Struktur der Einrichtung will er zunächst nichts ändern. Die sei erprobt und zukunftsfähig. Aber Akzente will er setzen, auch um Forschungsgelder einzuwerben: Neben dem Tsunamifrühwarnsystem sollen auch fossile Rohstoffe, die Kohlendioxidspeicherung und Geothermie eine große Rolle spielen.

Aber Hüttl buddelt auch noch. Im Sandkasten mit seinem sechsjährigen Sohn und im Tagebaugebiet Welzow Süd mit Kollegen aus Cottbus, Potsdam und Zürich: Dort haben sie sich einen Traum verwirklicht. Sie spielen auf sechs Hektar Land die Entstehung des Ökosystems Erde nach der Eiszeit nach. Die Forscher haben 10 000 Jahre alte Bodenschichten aus drei Metern Tiefe auf einer Tonebene verteilt, um nachzumessen wie sich Wetter und Sonne darauf auswirken, wie sich aus Regenpfützen Seen entwickeln. Die These: Die Initialphase prägt die weitere Entwicklung. Das sei wie bei einem Menschen, erklärt Hüttl: „Da fragt man auch immer, wie war seine Kindheit?“

Vielleicht erklärt sich der berufliche Erfolg von Prof. Hüttl also doch mit seinen ersten Stunden im Kreißsaal in Regensburg. Vielleicht wollte er – wenn er schon einmal Erster war, es auch gleich bleiben. Das wisse er nicht, sagt er: „Aber wenn ich etwas tue, will ich es schon sehr gut machen.“ Der Rest ergebe sich.

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