Wirtschaftsregion Berlin und Brandenburg : „Der BER ist Fluch und Segen zugleich“

Der BER sorgt im Umland für Zuzug. Ein Besuch in Königs Wusterhausen zeigt exemplarisch, wie eine Kleinstadt vor den Toren Berlins versucht, diesen Wandel zu meistern.

Patrick Volknant
Michael Wiezorek ist seit Juli Bürgermeisterin der größten Stadt im Landkreis Dahme-Spreewald.
Michael Wiezorek ist seit Juli Bürgermeisterin der größten Stadt im Landkreis Dahme-Spreewald.Foto: Sven Darmer

Mitten unter die Kiefern von Zeesen hat sich ein stählerner Gast gemischt. In dem normalerweise so ruhigen Ortsteil von Königs Wusterhausen markiert ein Kran die Stelle, an der in etwas weniger als zwei Jahren die neue Grundschule eröffnen soll. Zu seinen Füßen dröhnen schwere Maschinen, über deren Lärm hinweg sich Bauarbeiter gegenseitig Anweisungen zurufen. Am Rande des Geländes steht Michaela Wiezorek und beobachtet das Treiben auf der Baustelle. Im vergangenen Juli wurde die 60-Jährige zur neuen Bürgermeisterin der größten Stadt im Landkreis Dahme-Spreewald gewählt. Sie weiß, dass die Schule nur eine von vielen Stellschrauben ist, an denen derzeit in der Flughafenregion gedreht wird – und nicht einmal die einzige in der Stadt selbst.

„Wir spüren den Einfluss des BER mehr als deutlich“, sagt Wiezorek. Seit 2016 lebt die studierte Ingenieurin in Königs Wusterhausen, zunächst in verschiedenen Fachbereichen der Verwaltung. Schon damals habe sich abgezeichnet, dass man nicht mehr schrumpfen, sondern wachsen würde. Genau das passierte auch: Innerhalb von fünf Jahren kamen rund 2000 neue Einwohnerinnen und Einwohner hinzu. Fast 1000 neue Gewerbe wurden seit 2011 in der Stadt angemeldet.

Auf ihren Schultern lastet hoher Druck

Die „irren Chancen“ ihrer neuen Wahlheimat faszinierten Wiezorek von Beginn an, doch auf ihren Schultern lastet hoher Druck. Die gebürtige Berlinerin soll Königs Wusterhausen an einem entscheidenden Punkt seiner Geschichte in richtige Bahnen lenken. Um dem Zuzug von Menschen und Unternehmen gerecht zu werden, steht der Stadt einiges an potenziellem Bauland zur Verfügung. Viele der Flächen befinden sich laut Verwaltung allerdings in bisher ungeplanten Gebieten, die erst genehmigt werden müssten. „Außerdem gibt es eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen, die sich nicht darüber freuen, wenn Freiflächen verschwinden“, sagt Wiezorek. Als Hemmnis sehe sie die Umweltverbände aber nicht. Generell müsse man sich in Deutschland mehr Zeit im Vorfeld von Neubauten und Ansiedlungen nehmen. „Wir wollen uns erst klarmachen, was genau wir eigentlich bauen wollen, bevor wir vorschnell loslegen.“

Die Bürgermeisterin ist also gezwungen, mit ihrem Platz zu haushalten. In der Politik diskutiere man darüber, wie viel Verdichtung man Königs Wusterhausen zumuten könne, sagt sie. Die Stadt suche unlängst nach Lösungen abseits der klassischen Einzelhaussiedlung: „In jedem großen Einfamilienhaus, das für eine Familie mit drei Kindern geplant wird, leben in spätestens fünfzehn Jahren nur noch zwei Personen.“ Oft würden dann auch noch die Kinder im Ort bauen wollen und selbst weitere Einzelflächen beanspruchen.

Die Zukunft soll stattdessen darin bestehen, wohnen und arbeiten städtebaulich zu vereinen. „Wir wollen nicht nur eine Wohnstadt für Leute werden, die in Berlin oder am Flughafen arbeiten“, sagt Wiezorek. Nach wie vor sind diejenigen, die Königs Wusterhausen morgens verlassen, um zur Arbeit zu fahren, in der deutlichen Überzahl: Etwa 6500 Einpendler stehen laut Angaben der Stadt 11000 Auspendlern gegenüber.

Der Flughafen zieht viele Arbeitsplätze an

Dabei muss sich Königs Wusterhausen keineswegs verstecken. Rund 1150 Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen sind laut der Stadtverwaltung direkt vor Ort vertreten. Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner arbeiten im Gesundheits- und Pflegesektor. Auch die Stadtverwaltung selbst stellt einen relativ großen Arbeitgeber dar. Nichtsdestotrotz kommen die größten Impulse vom BER selbst. Wiezorek sagt: „Dieser Flughafen ist eben nicht nur ein Flughafen.“ Um das Terminal herum entstünden Arbeitsplatzchancen für unterschiedlichste Berufsbilder. Verstärkung kommt laut der Bürgermeisterin zudem aus östlicher Himmelsrichtung. Tesla ziehe nicht nur den klassischen Mechatroniker, sondern auch viele junge und experimentierfreudige Menschen an: „Sie wollen teilhaben an der Vision, die Tesla mit den Autos ja gleich mitverkauft.“ Darüber, wie weit die Vision am Ende tragen wird, ist sich die Bürgermeisterin nicht sicher. Das Verhältnis zwischen Jung und Alt, in Königs Wusterhausen noch klar zugunsten der Alten gepolt, dürfte Tesla aber beeinflussen.

Geht es um den BER, lassen sich in der Stadt zwei Fronten erkennen: „Den Alteingesessenen war schon immer bewusst, dass der BER dazugehört und welche Chancen er mit sich bringt“, sagt Wiezorek. Schon zu DDR-Zeiten habe Königs Wusterhausen dank Schönefeld zur Flughafenregion gezählt. Die Zugezogenen hingegen sähen den Airport meist als Bedrohung für die eigene Suche nach Stille und Erholung. „Inzwischen gibt es aber auch unter den Befürwortern viele Enttäuschte“, fährt die Bürgermeisterin fort, „weil Versprechen gebrochen wurden.“ Eigentlich sollten Königs Wusterhausen von den Flugrouten verschont bleiben, es wurde deshalb aus den Schallschutzmaßnahmen ausgeklammert. Nun dröhnt es doch über den Brandenburger Dächern.

Vieles von dem, was in Königs Wusterhausen seit der Eröffnung des Flughafens geschehen ist, wurde bereits mit langem Vorlauf geplant. „Corona hat das alles ein bisschen ausgebremst“, sagt Wiezorek, „aber von Stillstand konnte hier zu keinem Zeitpunkt die Rede sein.“

Der massive Fachkräftemangel ist ein Problem

Allmählich jedoch scheint der Zug wieder ins Rollen zu kommen. Wiezorek hat festgestellt, dass Investoren immer stärker auf eine schnelle Umsetzung ihrer Ideen pochen. Neben einer kritisch hinterfragenden Stadtgesellschaft steht ihnen in Königs Wusterhausen ein massiver Mangel an Fachkräften entgegen. Obwohl viele Kommunen in Brandenburg mit dem Problem zu kämpfen haben, sieht die Bürgermeisterin ihre eigene Stadt besonders betroffen: „Bei uns ist der Handlungsdruck einfach besonders hoch.“ Kaum eine Branche sei von den Löchern verschont geblieben.

Verbesserungsbedarf besteht auch beim Kernthema ÖPNV. Jüngst habe man im Stadtrat zwar einen Beschluss für gebündelte Verkehrskonzepte verabschiedet, sagt Wiezorek. Doch: „Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen.“ Die Stadt ist darauf angewiesen, mit den örtlichen Verkehrsbetrieben zu sprechen und zusammenzuarbeiten. Die zwischenzeitige Überlegung, selbst ein Verkehrsunternehmen zu gründen, um den Ausbau voranzubringen, ist laut der Bürgermeisterin wieder vom Tisch. Man könne die Zukunft nur gemeinsam mit dem Landkreis und den angrenzenden Kommunen gestalten. „Der BER ist Fluch und Segen zugleich“, erklärt Wiezorek schließlich. „Jetzt müssen wir so handeln, dass wir mehr vom Segen haben als vom Fluch.“