Virologie Christian Drosten über das Coronavirus : „Wir werden in Deutschland einen Anstieg der Fallsterblichkeit sehen“

Im NDR-Podcast mahnt der Charité-Virologe, Maßnahmen aufrecht zu erhalten. Er glaubt nicht, dass Deutschland die Corona-Testkapazitäten noch steigern kann.

Inga Barthels
Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité.
Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité.Foto: REUTERS/Michael Kappeler

Im täglichen NDR-Podcast lobt der Charité-Chefvirologe Christian Drosten die deutsche Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie. Man habe früh reagiert und bei den ersten Fällen, die in München aufgetreten sind, verhindert, dass sich das Virus weiter ausbreitet. Auch in Baden-Württemberg und am Niederrhein habe man schnell getestet und so auch milde Fälle nachweisen können.

„Wir sind vielleicht das Land, das am besten Diagnostik macht“, sagt Drosten im Podcast. Trotz aller Klagen über zu langsame Diagnostik stehe Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern sehr gut da. Ein flächendeckendes Testen habe viele Folgen. So sei das Durchschnittsalter der an Covid-19 erkrankten Personen in Deutschland mit 48 Jahren sehr viel niedriger als beispielsweise in Italien, wo es zwischenzeitlich bei 81 Jahren lag.

Fallsterblichkeit bereits auf 0,8 angestiegen

Das liege auch daran, dass in Italien viele ältere Patienten in Krankenhäusern und Pflegeheimen angesteckt worden seien, sagt Drosten. Deutschland sei bisher davon verschont geblieben, auch, weil anfangs viele junge, gesunde Menschen in Deutschland infiziert waren, die sich etwa im Skiurlaub angesteckt hatten. Man sehe aber immer öfter auch in Deutschland Übertragungen etwa in Pflegeheimen.

„Wir werden zwangsläufig jetzt in Deutschland ein Ansteigen der berichteten Fallsterblichkeit sehen“, sagt Drosten deshalb. Schon jetzt sei die Fallsterblichkeit von 0,2 bis 0,4 auf etwa 0,8 gestiegen.

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Gerade seien Krankenhäuser wie die Charité in der Phase des Wartens auf den Ansturm. Viele Betten seien freigeräumt, was auch massive finanzielle Verluste bedeute. „Hochspezialisierte Teams warten darauf, dass es beginnt“, sagt Drosten. Gleichzeitig würden alle hoffen, dass es nicht beginnt. „Das ist eine sehr schwierige Situation“.

Als Antwort auf die Frage, was kommen kann, reiche ein Blick ins Ausland, etwa nach Spanien oder Italien. Die Situation in den USA würde zeigen, was passiert, wenn man nur ein paar Wochen zu spät Maßnahmen einleitet, so Drosten.

Drosten: Zahl der Tests lässt sich nicht mehr steigern

Forderungen, etwa von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), nach mehr Tests sieht Drosten skeptisch, obwohl er grundsätzlich gleicher Auffassung ist. „Ich glaube nicht, dass wir unsere jetzige Testkapazität realistischerweise noch deutlich steigern können,“ sagt er. Es würden in Deutschland bereits eine halbe Million Tests pro Woche durchgeführt. Diese Zahl ließe sich aufgrund von Engpässen in der Industrie nicht mehr bedeutend steigern.

Es gehe nicht nur um eine Steigerung der Tests, sondern auch darum, die Richtigen zu testen, so Drosten. Das sei eine der Maßnahmen, die in der Zeit nach den Kontaktverboten ergriffen werden müssten.

Maßnahmen bis 20. April „absolut richtig“

Drosten betont, wie wichtig es sei, ein einheitliches Datum zu haben, bis wohin die Maßnahmen eingehalten werden und ihre Auswirkungen untersucht werden können. Der Vorstoß von Kanzleramtschef Helge Braun im Tagesspiegel-Interview, die Maßnahmen bis zum 20. April aufrecht zu erhalten, findet Drosten „absolut richtig“.

Derzeit befinde sich die Gesellschaft noch in einer „Einübungsphase“ und einer „Nachdenkphase“. Die Wissenschaft brauche Zeit, mögliche Szenarien nach einer Lockerung der Maßnahmen durchzuspielen. Es ginge darum, breite Maßnahmen spezieller zu machen und dadurch mehr Bewegungsfreiheit zu gewährleisten, außerdem um eine zielgerechte Diagnostik.

„Politik trifft die Entscheidungen, nicht die Wissenschaft“

Drosten betont, dass die Wissenschaft lediglich Daten generiert und versucht, zu erklären. „Politik trifft die Entscheidungen, nicht die Wissenschaft“, so Drosten. „Kein seriöser Wissenschaftler will politische Entscheidungen treffen.“ Dies sei die Aufgabe demokratisch gewählter Politiker. Er verweist dabei auch auf die Stellungnahme des nationalen Ethikrats zu dieser Problematik.

Dass in den Medien das Bild des entscheidungstreffenden Wissenschaftlers reproduziert würde, sei sehr problematisch. Wenn er Karikaturen von Virologen und sich selbst als Comicfigur in Medien sehe, werde ihm schlecht und er sei sehr wütend darüber.

Maskentragen als „höfliche Geste“

Eine Studie über die ersten deutschen Coronavirus-Fälle beim Münchner Autozulieferer Webasto hätte interessante Ergebnisse gezeigt, so Drosten. Beispielsweise habe sich beweisen lassen, dass der Virus in der Kantine übertragen wurde. Dabei saßen beide Personen Rücken an Rücken, die eine hätte die andere nach dem Salzstreuer gefragt.

Die Studie zeige, dass es weiterhin sehr wichtig ist, Abstand zu halten. Außerdem plädiert Drosten im Podcast für das Tragen von Masken als „höfliche Geste“. Es sei eine gute Idee, sich selbst Masken zu nähen oder selbstgebastelte Masken online zu kaufen, so Drosten.

„Egal was mit mir ist, ihr seid vor mir geschützt“, das sei die Aussage des Tragens einer Maske. Drosten selbst habe aber im Supermarkt erlebt, dass viele ihn skeptisch beäugten. Die gesellschaftliche Akzeptanz müsse also noch ausgebaut werden.