Virologe Drosten zu Epidemien : „Veranstaltungsstopps und Schulschließungen in Kombination sind extrem effizient“

Der Virologe Christian Drosten zieht Schlüsse aus einer Studie zur Spanischen Grippe. Zudem rät er Feierfreudigen, im kleinen Kreis daheim zu bleiben.

Kai Portmann
Christian Drosten, Direktor am Institut für Virologie der Charité Berlin
Christian Drosten, Direktor am Institut für Virologie der Charité BerlinFoto: imago images/photothek/Janine Schmitz

Der Berliner Virologe Christian Drosten rät für das Eindämmen der Coronavirus-Pandemie zu kombinierten Maßnahmen. „Veranstaltungsstopp und Schulschließungen in Kombination sind extrem effizient, vor allem dann, wenn man das mehr als vier Wochen durchhält“, sagte der Mediziner der Charité im NDR-Podcast am Donnerstag. „Und je früher, desto besser.“

Zu dieser Überzeugung sei er durch eine Studie zur Spanischen Grippe gekommen, die ihm eine Kollegin aus den USA geschickt habe, sagte Drosten. Das Paper – aus dem der Tagesspiegel zuvor bereits etwa hier und hier und hier zitiert hatte – habe nicht-pharmazeutische Maßnahmen in 43 Städten in den USA zur Bekämpfung der Spanischen Grippe in den Jahren 1918 und 1919 beschrieben. Auch wenn die Gesellschaft damals eine andere gewesen sei, zeige sich als Konsequenz der Studie, dass es extrem viel bringe, zwei oder mehr Maßnahmen zu kombinieren.

„Amerikanische Städte zur Zeit der Spanischen Grippe haben am meisten davon profitiert, wenn der Bürgermeister gesagt hat, ganz schnell alle Schulen zu, keine Veranstaltungen mehr, und zwar sofort“, sagte Drosten. So waren etwa die Sterberaten in Philadelphia 1918 doppelt so hoch wie in St. Louis, wo man zwei Tage nach dem ersten Fall bereits Schulen schloss und Versammlungen verbot. Das seien Argumente, die man auch heute noch ernst nehmen müsse.

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Lage nach Ostern neu bewerten

Das Absagen von Veranstaltungen und das Schließen von Schulen könnten auch nur „jetzt, am Anfang der pandemischen Welle, einen durchschlagenden Erfolg haben“, sagte Drosten weiter. „Das ist etwas, was wir jetzt machen müssen.“ Das Zusammenspiel beider Maßnahmen könne die Infektionswelle längerfristig verzögern und die Zahl der Patienten auf deren Gipfel senken. Nach Ostern müsse man dann schauen, wie die Lage sei, dann müsse die Politik „eine Richtungsentscheidung“ treffen.

Schulschließungen für Jahrgänge nach der Grundschule seien für die Eltern der Kinder besser zu organisieren, nicht alle Mütter und Väter müssten dann der Arbeit fernbleiben, sagte Drosten.

Anders wäre das bei Kindergärten und Kitas. Dort wäre es sinnvoll, Personal aufzustocken, damit die Eltern nicht daheimbleiben müssten. „Wir reden von einer Zeit bis jetzt zu den Osterferien und den Ferien einschließlich, da wäre schon viel gewonnen“, sagte der Mediziner. „Wir wollen natürlich alle, dass die Infektionswelle sich abflacht und in die Länge zieht. Und wir wollen andererseits aber die Arbeitskraft nicht schädigen im Land.

Trotzdem in Clubs und auf Partys? „Bleibt besser zu Hause“

Drosten warnte in Zeiten der raschen Coronavirus-Ausbreitung vor dem Besuch von Clubs und Partys. „Bleibt besser zu Hause, trefft euch zu Hause im kleinen Kreis und schaut euch eine Serie an“, sagte er. „Kein enger Kontakt mit vielen, vielen Leuten.“

Drosten forderte die Bundesregierung dazu auf, schnell einen Sonderkasse für Kommunen zu schaffen, die Großveranstaltungen absagen müssten, aber davor zurückschreckten, weil sie Regressansprüche der Organisatoren fürchteten. „Da braucht so ein Landrat oder so ein Bürgermeister Hilfe von der Bundespolitik“, sagte der Mediziner.  

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Zur möglichen Länge der Pandemie gebe es nur Modellrechnungen. Ein denkbares Szenario sei, „dass wir in eine kontinuierliche Welle reinlaufen, dass das jetzt also immer mehr werden wird, und dass das keine so aggressive Welle sein wird, die in drei, vier Monaten die gesamte Bevölkerung durchinfiziert und dann ist es vorbei“, sagte Drosten.

Das aktuelle Virus könnte sich vielmehr etwas langsamer verbreiten als die Influenza. Das bedeutete dann ein Anwachsen der Fälle über den ganzen Sommer und auch im Herbst. Das könne sich zum Winter hin noch verstärken und „dann aber auch irgendwann ausschleichen“, sagte Drosten.

Es könne aber auch sein, dass die Zahl der Fälle nicht so stark steige, aber das Virus „uns so zwei Jahre begleiten wird“, sagte der Mediziner. „Alles, was wir hier besprechen, ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“