Überregionales : Zur Botschaftseröffnung explodiert die Gewalt

Dutzende Tote bei Ausschreitungen am Gaza-Streifen. Ivanka Trump weiht offiziell die US-Vertretung in Jerusalem ein

Christian Böhme Berlin Lissy Kaufmann

Im Nahen Osten eskaliert die Gewalt. An der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen ist es am Montag zu den befürchteten schweren Ausschreitungen gekommen. Zehntausende Palästinenser protestierten dort mit einem „Marsch der Rückkehr“ gegen die umstrittene Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. Bei der Konfrontation kamen Dutzende Menschen ums Leben. Viele wurden palästinensischen Angaben zufolge erschossen. Unter den Toten sei auch ein 14-Jähriger. Es habe mehr als 1700 Verletzte gegeben. Es war damit der blutigste Tag seit dem Gazakrieg 2014.

Nach Angaben der israelischen Armee versammelten sich mehr als 40 000 Menschen an zwölf verschiedenen Orten entlang des Grenzzauns. Palästinenser hätten Brandbomben und andere explosive Gegenstände auf Soldaten geworfen. Israels Armee hatte zuvor die Zahl der an der Grenze stationierten Soldaten verdoppelt und Flugblätter über den Palästinensergebieten verteilt. Diese warnten auf Arabisch davor, den Sicherheitszaun zu beschädigen oder zu überwinden. Die Demonstranten sollten sich nicht von der in Gaza herrschenden islamistischen Hamas missbrauchen lassen.

Am Nachmittag wurde dann wie angekündigt der Umzug der US-Botschaft offiziell vollzogen. Präsident Donald Trump hatte im Dezember Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Bei der Einweihung war er zwar nicht zugegen, entsandte allerdings seine Tochter Ivanka und Schwiegersohn Jared Kushner. Der Republikaner selbst äußerte sich in einer Videobotschaft, die bei dem Festakt ausgestrahlt wurde. Darin sagte Trump, Israel sei eine „souveräne Nation mit dem Recht, seine Hauptstadt selbst zu bestimmen“. Und: „Wir haben in der Vergangenheit das Offensichtliche nicht anerkannt.“ Er betonte auch, sein Land bleibe einem dauerhaften Frieden im Nahen Osten verpflichtet. Der US-Kongress hatte schon 1995 ein Gesetz beschlossen, das die Verlegung der Botschaft vorsieht. Seitdem hatte aber jeder US-Präsident alle sechs Monate ein Dekret unterzeichnet, das die Gültigkeit des Gesetzes aussetzte.

Mitglieder der deutschen Botschaft, die sich wie andere diplomatische Vertretungen in Tel Aviv befindet, nahmen an der Zeremonie in Jerusalem nicht teil. Die Bundesregierung warnte davor, durch die Verlegung der US-Botschaft würden die Spannungen in der Region verschärft. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts sagte, Deutschland sei wie die EU davon überzeugt, dass eine einvernehmliche Verhandlungslösung zwischen Israel und Palästinensern gefunden werden müsse. Das schließe eine Einigung über den Status von Jerusalem ein. Israelischen Angaben zufolge wurden alle 86 Länder mit diplomatischen Vertretungen eingeladen, nur 33 hätten ihre Teilnahme zugesagt.

Israels Premier Benjamin Netanjahu nannte den Umzug einen „historischen“ und „glorreichen“ Schritt. Der jüdische Staat habe keinen besseren Freund auf der Welt als die USA. Es sei auch „ein großer Tag für den Frieden“, sagte Netanjahu. „Ein Frieden, der auf Lügen basiert, kann nur an den Felsen der nahöstlichen Realität zerschellen. Die Wahrheit ist, dass Jerusalem immer die Hauptstadt des jüdischen Volkes bleiben wird.“ In der mit Amerikas Fahnen geschmückten Stadt hieß es auf Plakaten: „Trump make Israel great again!“ Der palästinensische Ministerpräsident Rami Hamdallah bezeichnete den Umzug der US-Botschaft als „krassen Verstoß“ gegen internationales Recht und „Missachtung der Grundwerte von Gerechtigkeit und Moral“. Auch die Wahl des Datums beweise „einen Mangel an Sensibilität und Respektlosigkeit für die Grundwerte des Friedensprozesses", sagte Hamdallah.

Die Botschaftseröffnung fand genau am 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels statt. Die Palästinenser gedenken an diesem Tag der sogenannten Nakba, der Vertreibung und Flucht von Hunderttausenden während des ersten Nahostkrieges 1948.(mit dpa)

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