Überregionales : Zahl der Wohnungslosen steigt rasant

Rund 860 000 Menschen in Deutschland hatten 2016 keine eigene Unterkunft – darunter auch viele Kinder

Martin Horn

Berlin - Steigende Mieten und ein Mangel an Sozialwohnungen treiben immer mehr Menschen in Deutschland in die Wohnungslosigkeit. Nach einer neuen Schätzung hatten im vergangenen Jahr rund 420 000 Menschen keine eigene Unterkunft. Wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) am Dienstag in Berlin mitteilte, kommen noch rund 440 000 anerkannte Flüchtlinge hinzu, die seit 2016 mitgezählt werden. Damit sei insgesamt von einer Zahl von 860 000 Menschen ohne Wohnung auszugehen, sagte Geschäftsführer Thomas Specht. Dies entspreche einem Anstieg um rund 150 Prozent seit 2014. Ohne ein Umsteuern könnte die Zahl der Wohnungslosen bis 2018 auf 1,2 Millionen wachsen, warnte er.

Die Flüchtlinge, die in der Regel in Gemeinschaftsunterkünften leben, machen demnach rund 50 Prozent aller Wohnungslosen aus. Sprecht betonte aber: „Die Zuwanderung wirkt zwar verstärkend, aber die wesentlichen Ursachen für Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit liegen in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik in Deutschland.“ Das Angebot an bezahlbarem Wohnraum sei unzureichend und der Sozialwohnungsbestand schrumpfe ständig – seit 1990 um rund 60 Prozent auf 1,2 Millionen.

Insgesamt fehlen laut der Dachorganisation der Wohnungslosenhilfen mindestens elf Millionen Kleinwohnungen. Dies habe vor allem in Ballungsgebieten zu einem Anstieg der Mieten geführt.

Den Schätzungen zufolge lebten rund 52 000 Menschen ohne jede Unterkunft auf der Straße (2014 waren es 39 000). Die Straßenobdachlosigkeit werde inzwischen von Migranten aus EU-Ländern mitgeprägt. Die meisten anderen Wohnungslosen leben meist in Sammelunterkünften, ein knappes Drittel mit Partner oder Familie. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, deren Eltern keine Wohnung haben, schätzt der Verband auf rund 32 000.

Mit Blick auf die Regierungsbildung in Berlin forderte die BAGW-Vorsitzende Karin Kühn die Parteien auf, die Lebenslagen von verarmten und wohnungslosen Menschen zur Kenntnis zu nehmen. „Sofortmaßnahmen gegen den weiteren Anstieg der Wohnungslosigkeit gehören in einen Koalitionsvertrag“, sagte Kühn. Wichtig wäre ein Wohnungsgipfel sowie ein nationaler Aktionsplan zur Überwindung der Wohnungsnot und mehr finanzielle Mittel. Die stellvertretende BAGW-Geschäftsführerin, Werena Rosenke, verwies auf steigende Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Kommunen – bis 2021 immerhin rund 26 Milliarden Euro mehr als noch im Mai geschätzt. „Ein reiches Land wie Deutschland hat also durchaus die Mittel, die Wohnungslosigkeit zu bekämpfen“, sagte Rosenke. Martin Horn

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