Überregionales : Wohnungsnot erreicht die Mittelschicht

Hendricks: Es fehlen 350 000 Wohnungen pro Jahr. Angebot für preiswerte Mieten schrumpft

Ralf Schönball

Berlin - Immer weniger Bewohner deutscher Großstädte können sich die drastisch steigenden Mieten noch leisten. Und da immer noch zu wenig gebaut wird, erreicht die Wohnungsnot auch die Mittelschicht. Zu dieser Einschätzung kommt sowohl die Bundesregierung in einem aktuellen Bericht als auch die Wohnungswirtschaft in ihrer Jahresbilanz. Besonders stark vom Mangel an Wohnraum betroffen sind die Berliner.

Weil die Einkommen in der Hauptstadt im Vergleich zu anderen deutschen Städten besonders niedrig sind, können sich die meisten Berliner neu gebaute Wohnungen nicht mehr leisten. Für Durchschnittsverdiener kosten Neubauten sechs Euro pro Quadratmeter mehr, als sie sich leisten können, erklärte der Bundesverband der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Auch in Potsdam ist der Wohnraum knapp. Allerdings sind die Preise in den vergangen Jahren nicht so schnell wie in Berlin gestiegen und der Anteil an Geringverdienern ist nicht so hoch wie in der Bundeshauptstadt.

Laut Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) kommt es in immer mehr Städten und Gemeinden zu Wohnungsengpässen, und „davon sind immer mehr Haushalte betroffen, zunehmend auch mit mittleren Einkommen“. Um den Mangel zu beseitigen, müssten jedes Jahr rund 350 000 Wohnungen neu gebaut werden, heißt es in dem „Bericht über die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft“ aus ihrem Haus. Wohnungswirtschaft und Mieterbund schätzen den Bedarf noch viel größer ein. 400 000 Wohnungen müssten ihnen zufolge jedes Jahr neu gebaut werden. Fertiggestellt wurden im vergangenen Jahr in Deutschland aber nur 278 000 Wohnungen.

Besorgniserregend ist vor allem das schrumpfende Angebot preiswerter Mietwohnungen für Haushalte mit geringen und mittleren Einkünften. Jedes Jahr gehen bundesweit rund 50 000 Sozialwohnungen verloren, weil deren Preisbindung ausläuft – neu gebaut werden aber nur knapp 25 000. Auch im Mietwohnungsbau insgesamt ist die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage groß: Gerade mal die Hälfte der laut Wohnungsverband benötigten 140 000 Mietwohnungen entstehen jährlich.

„Die Wende beim Wohnungsbau ist gelungen“, sagte Hendricks bei der Vorstellung ihres Berichts. Die Neubauzahlen steigen. Sie gab aber auch zu, dass das Ziel noch nicht erreicht sei. So steht es auch im Bericht: „Die aktuelle Angebotssteigerung reicht nicht aus, um die Nachfrage und das in den vergangenen Jahren entstandene Neubaudefizit zu decken.“

Der Chef des Deutschen Mieterbundes, Lukas Siebenkotten, sagte zur Vorstellung des Berichts: „Die Wohnungsprobleme bergen enormen sozialen Zündstoff.“ Der Mietervertreter warnte vor allem davor, den sozialen Wohnungsbau in der nächsten Legislaturperiode „klammheimlich zu beerdigen“. Bisher steuert der Bund 1,5 Milliarden Euro zur Errichtung subventionierter Mietwohnungen bei. Ab dem Jahr 2020 ist die Finanzierung ausschließlich Sache der Länder. Mieterbund und Wohnungswirtschaft fordern deshalb eine Änderung des Grundgesetzes, damit auch weiterhin Bundesmittel fließen dürfen. Bundesbauministerin Hendricks hat sich dieser Forderung angeschlossen.

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