Überregionales : „Wir brauchen eine Debatte über Israel“

„Die Opfer- und Tätergeneration stirbt aus“ Reinhold Robbe, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, über Dialog und Solidarität

Erinnerung wachhalten. In Yad Vashem erinnern Gedenktafeln an jüdische Gemeinden in Deutschland, die während des Nationalsozialismus ausgelöscht wurden.Alle Bilder anzeigen
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30.09.2012 20:55Erinnerung wachhalten. In Yad Vashem erinnern Gedenktafeln an jüdische Gemeinden in Deutschland, die während des...

Herr Robbe, wenn Sie den Beziehungen zwischen Deutschland und Israel eine Note geben müssten, welche wäre das denn?

Ich würde zwei Noten vergeben: Für die offizielle politische und diplomatische Ebene eine glatte Zwei. Für die Beziehungen zwischen den Zivilgesellschaften beider Länder aber höchstens eine Drei minus.

Warum beurteilen Sie das Verhältnis zwischen beiden Völkern so pessimistisch?

Das hängt generell mit den politischen Entwicklungen in den vergangenen Jahren zusammen. Die Situation im Nahen Osten ist aus europäischer Sicht kompliziert und unübersichtlich. Hierzulande sind die wenigsten daher bereit, sich mit den Ursachen des Konflikts intensiv zu beschäftigen. Und kaum einer weiß, wie es in der israelischen Gesellschaft wirklich aussieht, mit welchen grundlegenden Problemen und Sorgen die Menschen dort zu kämpfen haben. Dieses Unwissen und Desinteresse hat auch seinen Grund darin, dass die deutsche Politik insgesamt zu wenig dafür tut, das einzigartige Verhältnis immer wieder neu mit Leben zu füllen.

Die Vorbehalte vieler Deutscher gegenüber Israel sind groß. Das Land hat ein schlechtes Image, gilt als große Gefahr für den Weltfrieden, als Kriegstreiber. Wie kann man das ändern?

Indem man die Beziehungen zwischen beiden Staaten nicht auf die Diplomatie reduziert, auf Begegnungen von Angela Merkel und Benjamin Netanjahu oder Joachim Gauck und Schimon Peres. Wir müssen uns darum bemühen, die Zivilgesellschaften viel stärker miteinander zu verbinden, die Menschen müssen sich begegnen.

Ein schwieriges Vorhaben.

Richtig. Dennoch sollten wir Möglichkeiten finden, wie das gute, zum Teil sehr gute Verhältnis etwa auf wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Ebene auf andere zivilgesellschaftliche Bereiche übertragen werden kann.

Aber es gibt doch schon zahlreiche deutsch-israelische Projekte, zum Beispiel beim Jugendaustausch. Reicht das Angebot nicht aus?

Nein, weil es offenkundig nicht in den Köpfen der Menschen fest verankert ist. Das trifft gleichermaßen für Deutschland wie für Israel zu.

Woran liegt das?

Zum Beispiel daran, dass die Opfergeneration auf der einen und die Tätergeneration auf der anderen Seite ausstirbt. Wir haben es deshalb inzwischen mit ganz anderen Einstellungen zu tun. Die meisten Menschen, die sich heute in Deutschland um die Beziehungen zu Israel bemühen, gehören noch der Generation an, die von der Bürde, der Last des Holocaust geprägt ist. Aber wenn man sich mit jungen Leuten unterhält, dann wird schnell klar: Jugendliche haben einen völlig anderen Zugang.

Was kann die Politik daran ändern?

Sie spielt eine entscheidende Rolle. Denken Sie nur an den häufig geäußerten Satz, Israels Sicherheit sei deutsche Staatsräson. Bei uns fehlt der wichtige öffentliche Diskurs über die zentrale Frage: Was heißt das eigentlich ganz konkret für uns Deutsche? Was passiert, wenn Israel von einem arabischen Nachbarn angegriffen wird oder es zu einer militärischen Eskalation im Konflikt mit dem Iran kommt? Ich verspüre in der Politik, über alle Parteigrenzen hinweg, wenig Bereitschaft, diese fundamentalen Fragen wenigstens ansatzweise zu beantworten.

Was bedeutet es denn Ihrer Auffassung nach, wenn Deutschlands Staatsräson so eng mit Israels Sicherheit verknüpft wird und es dann tatsächlich zum Ernstfall kommt?

Wir sind durch den Holocaust mit Israel und dem jüdischen Volk weltweit untrennbar verbunden. Daraus erwächst große Verantwortung, der wir uns stellen müssen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Begriff der Staatsräson unter sicherheitspolitischen Aspekten tatsächlich den gleichen Stellenwert besitzt wie zum Beispiel der Beistandsartikel im Nato-Vertrag. Dort ist ja ganz klar geregelt, wie und wann sich die Partner im Angriffsfall gegenseitig unterstützen.

Heißt das, im konkreten Fall eines Angriffs auf Israel würde Deutschland vermutlich militärisch nicht an der Seite Jerusalems stehen?

Ich weiß nicht, ob es in Deutschland derzeit dafür eine politische Mehrheit geben würde – von der Zustimmung in der Bevölkerung ganz zu schweigen.

Keine israelische Regierung wird das gerne hören.

Das mag so sein. Aber auch deshalb wäre es wichtig, wenn wir darüber eine ernsthafte, vor allem breite Debatte führen würden. Es reicht nicht aus, in elitären Zirkeln oder hinter verschlossenen Türen solche Fragen zu diskutieren. Wir brauchen in unserer Gesellschaft eine generelle Diskussion über die Frage: Was folgt aus unserer besonderen Solidarität gegenüber Israel?

Nach Ansicht der israelischen Regierung sollte die Solidarität ziemlich weit gehen. Als bekannt wurde, dass Deutschland womöglich zwei U-Boote an Ägypten liefern wird, gab es Proteste. Jerusalem soll sogar eine Art Mitspracherecht bei deutschen Rüstungsgeschäften im Nahen Osten gefordert haben. Geht das nicht zu weit?

Es steht mir nicht zu, die Umgangsformen zwischen der israelischen und der deutschen Regierung zu kommentieren. Aber man weiß, dass ein umsichtiges Kommunizieren immer besser ist als das Aufstellen von Forderungen, von denen man ohnehin weiß, dass die andere Seite ihnen nicht nachkommen kann oder will. Ich vermisse da hin und wieder das notwendige Fingerspitzengefühl.

Das Gespräch führte Christian Böhme.

Reinhold Robbe (57) ist Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Von 2005 bis 2010 war der SPD-Politiker

Wehrbeauftragter

des Deutschen

Bundestages.

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