Von Seehofer zu Söder : Ein Ego für alle

Rainer Woratschka

Und nun hat wieder Frieden zu sein, gefälligst. Seht her, tut uns die zerstrittene CSU kund: Wir lassen’s zwar bajuwarisch krachen, aber am Ende sind wir wieder ganz die Alten, harmonisch, kraftvoll anpackend, die Reihen geschlossen. Horst Seehofer bildet mit Markus Söder fortan eine Doppelspitze. Ersterer hat die Größe, sich vorzeitig vom Regieren zurückzuziehen. Letzterer gewährt ihm eine Abklingphase als Parteichef. Einstimmig und mit dem Segen des Alten riefen sie Söder in Fraktion und Parteivorstand nun zum Wunschkandidaten aus. Nach allem, was war. Das muss der CSU erst mal einer nachmachen.

Tatsächlich sind das alle befriedende Happy End und die Adventsbotschaft eines unbeschwerten Neubeginns so glaubhaft, dass sie im schlechtesten Komödienstadl nicht auf die Bühne kämen. Seehofer hat einem Kronprinzen Platz gemacht, den er für komplett ungeeignet hält. Er hat ihm „charakterliche Schwächen“ bescheinigt, ihn als „von Ehrgeiz zerfressen“ beschrieben. Sind das die Eigenschaften, die einen in Bayern für das Amt des Regierungschefs qualifizieren?

Nein, man kann Seehofers quälend gefassten Entschluss nur als schwere Niederlage beschreiben. Der Spieler hat sich verzockt. Am Ende blieben ihm zwei Optionen. Erstens: den allzu mächtig Gewordenen mit einem Gegenkandidaten namens Joachim Herrmann doch noch zu verhindern zu versuchen – Ausgang offen, Partei endgültig gespalten und, selbst wenn es gelänge, mit einem kaum noch zügelbaren Zerstörer an Bord. Oder, zweitens, ihn durchzuwinken auf die Gefahr hin, dass der Ungeliebte die Koordinaten der CSU verschiebt, verbliebene Wertkonservative und Christlich-Liberale verprellt und dadurch – womöglich – auch die anstehende Landtagswahl vergeigt.

Seehofer hat sich für Letzteres entschieden. So wird der Urnengang im nächsten Jahr zu Söders großer Bewährungsprobe. Wenn’s schiefgeht, kann sich der Franke nicht damit herausreden, dass man ihn zu spät ins Amt gelassen habe. Ein halbes Jahr Vorlauf muss reichen. Und die Latte liegt, so ist das nun mal im CSU-Kosmos, bei der absoluten Mehrheit. Sie zu überspringen, wäre in der zersplitternden Parteienlandschaft selbst für einen Seehofer in Saft und Kraft eine Heroenaufgabe. Bei der Bundestagswahl schafften im Freistaat sechs Parteien die Fünf-Prozent-Hürde, 2018 kämen die Freien Wähler wohl noch dazu. Wer wird Söders Sündenbock bei einem neuerlichen CSU-Debakel? Der Alte in Berlin? Zerlegt sich die Partei dann aufs Neue?

Söder wird versuchen, der AfD in Bayern das Wasser abzugraben. Das mag eine Chance sein. Doch wie reagieren CSUler, die anderswo CDU wählen würden, auf einen Rechtsruck? Wie diejenigen, denen es ums Soziale geht, ums Christliche, den Erhalt der Schöpfung? Käme der Grünenfresser, wenn es sein muss, auch mit den bisherigen Erzfeinden ins Boot? Seehofer war und ist, bei aller populistischen Wendigkeit, im Herzen Sozialpolitiker. Söder ist nur Söder. Einer, dem es weniger um Inhalte geht als ums Hochkommen, den Machterhalt, das eigene Ego.

Vor allem: Söder kann sich noch so maskieren und zurücknehmen, den gütigen Landesvater nimmt ihm keiner ab. Er kann aus seiner Not nur eine Tugend machen – und auch als Regierender den Dynamiker geben. Mit der paradoxen Botschaft, dass es in Zeiten wie diesen einen solchen braucht, damit alles bleibt, wie es ist. Für die Bürger. Und für die CSU.

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