Überregionales : Von der Gemeinde akzeptiert

Potsdamer Absolventin wird erste deutsche Rabbinerin nach dem Holocaust

Marion Krüger-H rup

Es ist eine mehrfache Premiere: Zum ersten Mal seit dem Holocaust wird eine deutsche Jüdin zur Rabbinerin ordiniert. Die 1000 Jahre alte Israelitische Kultusgemeinde in Bamberg erhält zum ersten Mal in der Geschichte eine weibliche Vorbeterin. Und für Antje Yael Deusel, die aus Nürnberg stammt, ist es schon das zweite Mal, dass sie in eine Männerdomäne einbricht. Die 51-Jährige ist Fachärztin für Urologie am städtischen Klinikum.

Die Ordination findet am 23. November in der Bamberger Synagoge statt, wo die Medizinerin schon lange keine Unbekannte mehr ist. Schließlich gestaltet sie als Zweite Vorsitzende der Kultusgemeinde und als Kulturreferentin das jüdische Leben in der Stadt seit Jahren aktiv und temperamentvoll mit. „Ich werde von der Gemeinde akzeptiert“, ist Deusel sich sicher. Ihre historische Vorläuferin, Regina Jonas, war 1935 die erste Rabbinerin weltweit. In ihrer Abschlussarbeit an der Berliner „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ kam Jonas bei der Untersuchung der Frage „Kann eine Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ zum Ergebnis, dass dem „außer Vorurteil und Ungewohntsein fast nichts“ entgegenstehe. Doch predigen oder trauen durfte Jonas selbst in der liberalen Berliner Synagoge nicht.

1944 wurde sie im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Nach dem Krieg geriet ihre Pioniertat in Vergessenheit. Deusel wird nicht mehr mit vergleichbaren Vorbehalten kämpfen müssen. In ihrer 900 Mitglieder zählenden Bamberger Gemeinde hofft sie, nicht nur Gottesdienste und Beerdigungen, sondern auch Hochzeiten sowie die Bar und Bat Mizwa für Buben und Mädchen halten zu können. Als Rabbinerin wird sie Seelsorgerin sein, aber auch Rechtsgelehrte und Wissenschaftlerin. Zudem hat sie durchgesetzt, dass künftig in jedem Gottesdienst Frauen und Männer gleich behandelt werden. Die künftige Vorbeterin hat einen langen Bildungsweg absolviert.

Sie ging im unterfränkischen Hassfurt ins Gymnasium, studierte Medizin in Erlangen, wurde Fachärztin und bildete sich in Jerusalem zur Kinderurologin weiter. Seit 1988 arbeitet sie am Bamberger Klinikum, inzwischen als Oberärztin. In den vergangenen fünf Jahren standen Hebräisch, Aramäisch, das Studium der Halacha und des Talmud, Jüdische Geschichte und Philosophie, Bibelkunde, Liturgie, Didaktik und Homiletik sowie Gemeindepraxis und Verwaltungskunde auf dem Stundenplan. Den wissenschaftlichen Unterbau holte sich die ledige Rabbinerkandidatin am Potsdamer Abraham Geiger Kolleg.

Für ihre Masterarbeit wählte Deusel ein Thema mit enger Berührung zu ihrem Beruf: „Rituelle Beschneidung unter religionsrechtlichen und medizinischen Aspekten.“ Die lernintensiven Jahre seien ein Kraftakt gewesen, erzählt die Frau. Er habe „viel Disziplin“ gekostet und den Verzicht auf Freizeit und Urlaub, weil da ja noch der Klinik-Job zu tun war. Als Rabbinerin wird sie weiter auch als Ärztin tätig sein. Jetzt gelte es, in ihrer Gemeinde „unter der Asche die Glut aufzudecken“. Das ist es, was sie unter Tradition versteht.

Nach dem Holocaust hätten sich die wenigen Überlebenden in Deutschland an althergebrachte Traditionen geklammert, sagen jüdische Frauen heute. Eine Rabbinerin passte nicht dazu. Seit gut 15 Jahren bricht diese Barriere nun langsam auf. Im Jahr 1995 kam die Schweizerin Bea Wyler nach Deutschland und leitete bis 2004 als erste jüdische Geistliche Gemeinden in Delmenhorst und Oldenburg. Vor einem Jahr wurde mit einer gebürtigen Ukrainerin erstmals wieder auf deutschem Boden eine Rabbinerin ordiniert. Marion Krüger-Hundrup