Von Alexander Fröhlich, Roddahn : Eroberer der Leere

Prignitz im Norden von Brandenburg: Menschen ziehen weg, das Land entvölkert sich. Aber im Dorf Roddahn und Umgebung ist alles anders. Hier sind mittlerweile keine freien Häuser mehr zu haben. Das liegt an der „Freien Schule“. Eine Erfolgsgeschichte

Alexander Fröhlich Roddahn
Couch-Pädagogik. Seit 1997 gibt es die „Freie Schule Roddahn“. Immer mehr Menschen, vor allem aus Berlin, ziehen dorthin, damit ihre Kinder hier lernen können.Alle Bilder anzeigen
Fotos: Thilo Rückeis
05.09.2009 04:16Couch-Pädagogik. Seit 1997 gibt es die „Freie Schule Roddahn“. Immer mehr Menschen, vor allem aus Berlin, ziehen dorthin, damit...

Wer eintreten will, muss die Schuhe ausziehen. „Das machen alle so, wir wollen Rücksicht nehmen auf die, die putzen“, sagt André Ferdinand-Kroll. Hinter ihm spielen zwei Kinder Fangen, ein Jugendlicher lümmelt auf der Couch und liest, andere sitzen an Tischen und essen. Ein neunjähriges Mädchen, langes blondes Haar, buntes Kleid, fragt: „André, kannst du mal kommen?“ Nein, kann er jetzt nicht, er unterhält sich, später vielleicht. André Ferdinand-Kroll sagt das ganz ruhig, kein scharfer Ton. „O.k.“, sagt das Mädchen, so als wäre das wirklich in Ordnung für sie.

Der 43-jährige André Ferdinand-Kroll führt durch das Haus, es ist sein Lebenswerk. Schon von außen fällt das Gebäude auf, es steht an der einzigen Straße, die durch das Dorf führt, die Wände orange mit großen goldenen Punkten. Auf einem bunten Schild steht „Freie Schule Roddahn“.

Nicht mal 300 Menschen leben hier in der östlichen Prignitz im Norden Brandenburgs, wenige Kilometer von Neustadt/Dosse entfernt. Wären André Ferdinand-Kroll und seine wenige Jahre jüngere Frau Wenke vor zwölf Jahren nicht hierher gekommen, gäbe es hier vermutlich deutlich weniger Einwohner, wie in so vielen Orten in der märkischen Provinz. Die jungen Leute ziehen weg, lassen sich ausbilden, studieren, gehen dorthin, wo es mehr zu holen gibt.

In Roddahn und den umliegenden Dörfern ist das anders. Mitte der 90er Jahre lebten André Ferdinand-Kroll und Wenke Ferdinand im Berliner Friedrichshain, er studierte Psychologie, sie war Kauffrau, für ihre Kinder haben sie mit anderen einen Kinderladen aufgebaut. Beide kommen aus der alternativen Szene, sie wollten raus aufs Land, die Kinder nicht in der Stadt groß werden lassen. Eine freie Schule mit Reformpädagogik wollten sie gründen, fuhren bis nach Mecklenburg-Vorpommern, bekamen Schlösser zu Spottpreisen angeboten – hängen geblieben sind sie in Roddahn. Der alte staatliche Kindergarten in dem von der früheren LPG errichteten Bau war nicht mehr zu halten, am Ende waren nur noch acht Kinder dort. 1997 war das, dann eröffnete Kroll mit Hilfe eines Vereins die Schule.

Angefangen haben sie mit 24 Kindern, inzwischen sind es mehr als 80. Und es könnten noch mehr sein, die Nachfrage ist da. Vor allem aus Berlin sind in den vergangenen Jahren viele Eltern in die Dörfer der Umgebung gezogen, selbst aus Dresden und Halle. „Inzwischen gibt es in der Umgebung keine freien Häuser mehr, alles ist weg.“ Sogar 30 Kilometer weite Wege nehmen einige in Kauf, nur damit ihr Kind auf diese Schule geht. „Neulich hat mich ein Mann aus dem Dorf gefragt, warum die Kinder hier so glücklich sind“, erzählt der Psychologe.

Es ist keine Schule wie man sie gemeinhin kennt. Alles wirkt noch unfertig. Es gibt keine richtigen Klassen, keine klassischen Lehrer, die mit Kreide etwas an die Tafel schreiben, jeder darf sich aufhalten, wo er will. Es fängt mit dem Kindergarten an: Eingeschult werden die Kleinsten, wenn die Erzieher denken, dass es an der Zeit ist. Weiter geht es mit Grundschule und der ersten Sekundarstufe. „Wir machen Angebote, haben Materialien und begleiten die Kinder, sie wollen von selbst lernen“, sagt André Ferdinand-Kroll. Er redet über Montessori-Pädagogik, über klare Regeln, soziales Verhalten, gegenseitige Rücksichtnahme. „Manche lernen in einem Jahr das, wofür andere normalerweise vier Jahre brauchen.“ Über zwei Grundschüler, die Schach spielen, sagt der Psychologe: „Auch das ist Lernen.“ Der Erfolg gibt Ferdinand-Kroll jedenfalls recht. Die Schüler bekommen nach der zehnten Klasse sogar offizielle Zeugnisse, die meisten machen danach Abitur, einige studieren. „Es gibt keine Kinder, die nicht lernen wollen.“

Inzwischen interessieren sich sogar Wissenschaftler für Roddahn, bei der Initiative „Lebendige Dörfer“ wird das Dorf als Modell angeführt, wie sich der demografische Wandel, die Entvölkerung in den Randgebieten abmildern lässt. Von „Raumpionieren“ ist da die Rede, von Menschen die etwas bewegen, etwas wagen, es sind Künstler, Landwirte, Aussteiger.

Für viele Einheimische ist das ein Kulturschock. Als Hort einer Sekte ist das Roddahner Haus schon beschimpft worden oder als Dummenschule, selbst von Lehrern einer Schule im Nachbardorf. Die musste vor einigen Jahren dicht machen – wie so viele im Land, es gab zu wenige Kinder.

Ulrich Gerber ist da gelassener, was die neuen Einwohner angeht. Als Amtsdirektor für Neustadt/Dosse ist er auch für Roddahn zuständig, ein Mann mit kurzem grauen Haar, gestutztem Bart. „Ich würde meine Kinder ja nicht auf diese Schule schicken.“ Gerber meint das nicht abschätzig, er sitzt an seinem Schreibtisch, blickt hinaus auf die Straße und zupft seine rote Krawatte zurecht. Struktur und Ordnung täten den Kleinen doch gut. „Aber trotzdem, die Schule scheint gut zu sein, sie hat Erfolg.“

Gerber weiß, was er an der Schule hat – und an den Zuzüglern. Den Einwohnerschwund in den Dörfern ringsherum hätten sie verringert, sagt er. Ohne sie „wäre ein Großteil der Häuser verfallen“. 2006 hatte Neustadt/Dosse mit dem Ortsteil Roddahn 3681 Einwohner, heute sind es 70 weniger – ein moderater Rückgang. Lieber spricht der Amtschef aber über das Landesgestüt in der Stadt, über Reitunterricht und Spezialklassen an der städtischen Schule und über das neue Internat. Selbst aus dem Ausland kämen Schüler, um in Neustadt zu lernen. Gerber nennt das Schulen besonderer Prägung – und meint damit auch Roddahn. Über Leute wie André Ferdinand-Kroll sagt er: „Das sind wahnsinnig engagierte Leute“.

Tatsächlich hat sich in den Dörfern einiges getan. Biobauern haben sich niedergelassen, Gärtner, Künstler, Informatiker, Handwerker, andere gründeten Firmen für ökologisches Bauen. Und sie sind aktiv. Zum Beispiel in der Roddahner Kirche, ein schlichter Fachwerkbau, eigentlich ein Saal ohne Kirchturm, aber immerhin eine Kirche. Erbaut wurde sie etwa 1798, nach 1990 verfiel sie langsam, wurde gesperrt, weil das Dach einzustürzen drohte. Zugezogene und Einheimische gründeten einen Verein, schafften Geld und Fördermittel für die Sanierung heran. Im Sommer gibt es nun Kultur auf dem Lande, Ausstellung, Theater und Konzerte.

Elisabeth Seyfferth, 45 Jahre, gehört zu diesem Verein. In Arbeitskleidung mit Flecken von Farbe und Lehm steht sie auf ihrem Hof. Auch sie ist so ein Raumpionier, auch ihre Kinder gehen in die Freie Schule. In den 80er Jahren kam sie aus Hessen zum Studium nach Berlin, gehalten hat sie in der Hauptstadt nichts. „Dort brauchst du nichts mehr machen, die ganze Aufbrauchstimmung nach der Wende ist weg, jetzt ist alles auf Hochglanz“, sagt Elisabeth Seyfferth. Vor Jahren kam sie nach Roddahn, hat mit Freunden den Hof gekauft, saniert und sich selbstständig gemacht. Heute konzipiert sie Pflanzenkläranlagen, verkauft ökologische Baustoffe und gibt Seminare für Lehmbau. Und sie ist Stadtverordnete in Neustadt/Dosse, der Schule wegen, sagt sie, im Stadtparlament habe sie viel dafür tun können, kürzlich erst. Da gab es einen Beschluss, das alte Gutshaus wird jetzt an die Schule verpachtet. Die Sekundarstufe solle dort neue Räume bekommen, für Naturwissenschaften und für die Schulband.

Zu dem Hof von Elisabeth Seyfferth gehört auch die alte Dorfkneipe, es riecht nach alter Wirtstube, nach Rauch und Holz, in der Küche hängen noch alte weiß-gelbe Fliesen aus DDR-Zeiten. Auch hier gibt es regelmäßig Kultur, Filme werden hier gezeigt. Seyfferths Mann, Michael Vossen, wollte das so. Der 48-Jährige, ein groß gewachsener Mann mit Brille und Glatze, ist auch Ortsvorsteher von Roddahn. Zum Reden hat er jetzt keine Zeit, die vergangenen Nächte hat er gearbeitet, jetzt ist Feierabend. Vossen hat eine Mosterei, dort musste ein Kessel repariert werden, denn es ist Erntezeit, die Leute aus den Dörfern bringen ihre Äpfel und wollen Saft daraus pressen lassen. Die Mosterei „pressbar“ ist in Hohenofen, zehn Kilometer von Roddahn entfernt, in einer alten Papierfabrik untergebracht. Im 18. Jahrhundert war es ein Hüttenwerk für Eisen und Silber, später wurde hier Papier hergestellt, nach der Wende war damit Schluss.

Es ist ein Industriedenkmal, angeblich „Nordeuropas einzige historische, komplette erhaltene Produktionsanlage für Papier“. So jedenfalls sieht es der Verein, bei dem Michael Vossen mitmacht. Er will das Ensemble erhalten, die alten Maschinen stehen noch, am Wochenende kann man die Fabrik bei Führungen besichtigen.

Raumpioniere also, doch den Einheimischen bleiben sie meist fremd. Selbst der 15-jährige Georg, Sohn von Elisabeth Seyfferth und Michael Vossen, der hier aufgewachsen ist und in der Freien Schule die neunte Klasse besucht, kann mit anderen Kindern aus dem Dorf wenig anfangen. „Die sind anders“, sagt er, nicht abfällig, aber bestimmt. „Die haben keinen Bock auf Schule und so.“

Auch Elisabeth Seyfferth spricht von verschiedenen Mentalitäten. Hier diejenigen, die schon immer in der Gegend gelebt haben, dort die Zugezogenen, die den leeren Raum erobern. „Es gibt eine gewisse Distanz“, sagt Elisabeth Seyfferth. „Sie sind nicht ausgeschlossen, aber sie kommen einfach nicht.“