Überregionales : Vom Querlesen eines Querdenkers

Die Prüfung des Kandidaten hat begonnen: Nun melden sich seine Gegner zu Wort – mit früheren Zitaten Joachim Gaucks, die irritierend kurz sind

Marc Kalpidis
„Wahrer Demokratielehrer“. So hat Angela Merkel ihren Bellevue-Kandidaten genannt. Damit hat sie ihn nicht ganz korrekt wiedergegeben. Gauck selbst sagte von sich, er wolle „reisender Politiklehrer“ sein.
„Wahrer Demokratielehrer“. So hat Angela Merkel ihren Bellevue-Kandidaten genannt. Damit hat sie ihn nicht ganz korrekt...Foto: dpa

Kaum ist er nominiert, schon steht er in der Kritik. Es sind die Parteien, die an der Nominierung Joachim Gaucks für das Bundespräsidentenamt nicht beteiligt waren, die nun nach Gründen suchen, warum sie ihn nicht mittragen können. Die Piraten werfen ihm vor, für die Vorratsdatenspeicherung einzutreten. Die Linke, dass er Hartz IV und den Afghanistan-Einsatz gut finde. Und Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele fragt sich in der „Frankfurter Rundschau“, wie Gauck angesichts der allgemeinen Klage gegen Übermacht und Machtmissbrauch des Finanzsystems „den Protest dagegen auf der Straße ,unsäglich albern’ nennen“ könne. Es sind nun die früheren Aussagen Gaucks, die das Bild eines „Theologen der Herzlosigkeit“ zeichnen sollen.

Geheimnisse werden hier nicht ausgegraben. Die Worte Gaucks sind in Zeitungsinterviews nachzulesen und seit längerem weit verbreitet. Vor allem im Netz sorgten sie am Tag nach der Entscheidung für Erregung – was für einem Mann war da wieder die Gunst der Politik zugefallen! Doch ist das Internet auch sein eigenes Korrekturprogramm. So hat sich der Blogger Patrick Breitenbach die Mühe gemacht, nach Belegen für Gaucks angebliche Ansichten zu suchen, die in der politischen Auseinandersetzung wie Tatsachen behandelt werden und sogar die Aufstellung eines Gegenkandidaten begründen.

Wie etwa jene Bemerkung über den ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin. Ihm attestierte Gauck Ende 2010 in einem Tagesspiegel-Interview, „Mut bewiesen“ zu haben. Allerdings bezog er sich damit nicht auf Sarrazins Thesen, sondern auf den Willen, das Tabuthema misslungene Integration überhaupt öffentlich zu diskutieren. „Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik“, lobte Gauck. Aus dem Erfolg des Buchs könne die Politik lernen, dass „ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen“. In einem Gespräch mit „Sueddeutsche.de“ riet Gauck zudem, „genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen“ – also genau das zu vermeiden, womit Sarrazin sich selbst diskreditierte.

Oft konfrontiert wird Gauck in diesen Tagen auch mit einem Kommentar zur Occupy-Bewegung. Aber auch er ist nicht bis zur Quelle zurückverfolgt worden. Einen Tag, nachdem am 15. Oktober weltweit Hunderttausende gegen die Macht der Banken auf die Straße gegangen waren, prophezeite er bei einer Veranstaltung der „Zeit“ in Hamburg: „Das wird schnell verebben.“ Das Ausmaß der Proteste vermöge ihn nicht dauerhaft zu beeindrucken, schließlich habe er „in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren“ – eine Referenz an das verstaatlichte Bankenwesen in der DDR. Insofern sei die heutige Antikapitalismusdebatte „unsäglich albern“ von „romantischen Vorstellungen“ geprägt. Staatliche Banken würden das Problem der mangelnden Einflussnahme nur verschieben.

Für Diskussionsstoff sorgt inzwischen auch wieder die Wendung „töricht und geschichtsvergessen“, mit der Gauck 2004 die Verwendung des Begriffs Montagsdemonstrationen für die Massenproteste gegen Sozialabbau und Hartz-IV-Gesetze kritisierte. Verkürzt wurde diese Äußerung auf ihre demokratiefeindliche und kaltherzige Pointe. Gauck aber rügte lediglich den historischen Bezug des Begriffs und dessen mitunter inflationäre Verwendung. Prinzipiell sei er nämlich erfreut, „dass sich Bürger von ihren Sofas erheben und an der demokratischen Willensbildung teilnehmen“ – so gesagt im Tagesspiegel-Interview Ende vergangenen Jahres.

Und dann war da noch diese Sache mit der Vorratsdatenspeicherung. Bei einer Podiumsdiskussion in Wien warnte Gauck im Dezember 2010 vor einer von Angst getragenen „hysterischen Welle“, nahm zugleich aber auch den Gesetzgeber in die Pflicht: „Wenn der Staat Rechte beschneidet, dann muss es verhältnismäßig sein. Ich will tragfähige Belege, was das Ganze bringt.“ Den Bürgern müsse erklärt werden, dass trotz berechtigter Sorgen, „die Speicherung von Telekommunikationsdaten nicht der Beginn eines Spitzelstaates ist“. Eine Bemerkung, die bei Joachim Gauck auch biografisch beglaubigt ist.