Überregionales : Vergiftete Atmosphäre

Autobauer stehen wegen Abgastests an Menschen und Affen in der Kritik. Bundeskanzlerin Merkel verlangt Aufklärung

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die deutsche Automobilindustrie provoziert wegen umstrittener Tierversuche mit Dieselabgasen erneut scharfe Kritik und öffentliche Empörung. Politiker und Verbände forderten am Montag personelle Konsequenzen. Zuletzt war berichtet worden, dass es im Abgasskandal Schadstofftests nicht nur mit Affen, sondern auch mit Menschen gegeben habe. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte dies scharf und forderte Aufklärung. „Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Für VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sind die Versuche „in keinster Weise nachvollziehbar“, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der im VW-Aufsichtsrat sitzt, forderte umfassende Aufklärung. Er habe von den Tierversuchen nichts gewusst. Umweltverbände, Grünen-Politiker, Tierschützer und Lobbycontrol sprachen von „haarsträubenden“ Erkenntnissen. Entschuldigungen reichten jetzt nicht mehr aus, nun sei die Politik am Zuge.

VW hatte sich am Sonntag für Tests mit Affen entschuldigt, die vor Jahren in einem US-Labor im Auftrag der von Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch gegründeten Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) vorgenommen worden waren. Federführend war VW gewesen. Ziel der Tests war es, zu zeigen, dass Dieselabgase unschädlich seien. Nach neuen Berichten soll die EUGT darüber hinaus eine Studie an der Aachener Uni-Klinik in Auftrag gegeben haben, bei der auch Menschen Stickstoffoxid ausgesetzt wurden, das von Dieselmotoren erzeugt wird. Dem trat gestern der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus entgegen: Eine entsprechende Studie von 2013 befasse sich nicht mit der Dieselbelastung von Menschen. Es sei vielmehr um den Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz gegangen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. 25 gesunde Menschen seien Konzentrationen ausgesetzt worden, die unterhalb der Belastung am Arbeitsplatz lägen. Die Ethikkommission der Uniklinik habe die 2016 veröffentlichte Studie geprüft und genehmigt.

Das EUGT mit Sitz in Berlin, an dem VW die Hälfte der Anteile und BMW und Daimler je ein Viertel hielten, war 2017 aufgelöst worden – auch im Lichte der 2015 aufgedeckten Dieselaffäre. Bosch war bereits 2013 wegen Meinungsverschiedenheiten ausgeschieden. Daimler hatte erklärt, man halte „die Tierversuche in der Studie für überflüssig und sinnlos“. BMW teilte auf Anfrage mit, man habe an den genannten Studien nicht mitgewirkt und sich bereits vergangene Woche distanziert. „Wir haben umgehend mit einer internen Untersuchung begonnen, um die Arbeit und Hintergründe der EUGT sorgfältig aufzuklären“, hieß es.

Der VW-Konzern sieht sich nun erneut schwersten Vorwürfen ausgesetzt, die vor allem auf dem US-Markt gravierende Folgen haben könnten. Die „New York Times“ hatte zuerst über die Abgastests mit Affen berichtet. Leser kommentierten den Fall des deutschen Autobauers empört und verwiesen auf den Holocaust. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) reagierte „entsetzt“. Was bekannt sei, sei „abscheulich“, erklärte sie am Montag. Die Hintergründe gehörten jetzt schnell auf den Tisch. Neben der Autoindustrie müsse auch die Wissenschaft ihre Verantwortung dafür aufklären. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn sagte: „Diese Abgasexperimente zerstören weiter das Vertrauen in die Autoindustrie. Ethik und Moral wurden offenbar für den Profit geopfert.“

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