USA und der Westen : Amerika ist mehr als Trump

Juliane Schäuble

Und es hat Trump gemacht. Nur wenige Stunden, nachdem sich die sieben führenden Industriemächte bei ihrem Gipfel auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, einen eher wackligen Turm an Übereinstimmung mit vagen Vorhaben, geeinigt haben, schmeißt der amerikanische Präsident die Bauklötze wieder um. Via Twitter, wie sonst. Aus der Air Force One heraus. Er hinterlässt ratlose, zum Teil auch entnervte Teilnehmer wie Beobachter. Bei manchem macht sich Untergangsstimmung breit. Das war’s erst mal mit dem Westen, rufen die einen im Schock. Andere freuen sich, und das nicht nur klammheimlich.

Zumindest für die amerikanische Führungsrolle mag die Analyse zutreffen, dass der vielleicht mächtigste Mann der Welt als internationale Führungsfigur ungeeignet ist. Dass Donald Trump auch auf Provokationen – und ja, so kann man die Abschlussworte des kanadischen Gastgebers Justin Trudeau auch deuten – im Affekt und sichtlich beleidigt reagiert, ist ein unberechenbares Risiko. Doch das bedeutet nicht das Ende des Westens. Auch dieses Mal nicht. Allerdings ändert sich die Rollenverteilung. Europa ist nun in der Pflicht, mehr Verantwortung zu übernehmen. Das ist keine ganz neue Erkenntnis, aber eine, die mit jedem Tag dringlicher Antworten erfordert.

Denn die Konkurrenz schläft nicht, wie die Harmonie-Bilder des zeitgleichen Gipfels der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit vor Augen führen sollen. China und Russland Seit’ an Seit’ im Kreis anderer, vorwiegend asiatischer Staaten, für die die Führungsrolle des Westens ohnehin nicht selbstverständlich ist. Am anderen Ende der Welt, so die Botschaft, klappt es hervorragend mit der Zusammenarbeit. Dass die teilnehmenden Nachbarn Indien und Pakistan häufig das Gegenteil beweisen, wird bei diesem Anlass nicht erwähnt.

Doch kann der Westen die Vereinigten Staaten einfach außen vor lassen? Kann er nicht. Sich etwas weniger auf den erratischen Donald Trump fokussieren, das kann er schon. Der schwer erkrankte Senator John McCain spricht der transatlantischen Gemeinschaft von der Seitenlinie aus Mut zu: „Die parteiübergreifende Mehrheit der Amerikaner ist weiter für den Freihandel, die Globalisierung und die Unterstützung unserer Bündnisse, die auf 70 Jahren an geteilten Werten aufbauen“, twittert er. „Die Amerikaner sind auf eurer Seite, auch wenn es unser Präsident nicht ist.“ Der Westen sollte darauf vertrauen, dass McCain recht hat. In der Klimapolitik zeigt sich bereits, dass es in den USA außerhalb Washingtons viele Partner gibt, mit denen Zusammenarbeit möglich ist. Gerade die Europäer müssen weiter gelassen auf Trump reagieren. Und: geschlossen.

Gesucht wird weniger ein neuer Anführer odere eine neue Anführerin der freien Welt. Diese Schuhe sind selbst für Frankreichs selbstbewussten Präsidenten Emmanuel Macron zu groß. Auch passt diese Rolle eigentlich gar nicht zur Idee des Westens. Nötig ist vielmehr die Bereitschaft zu Engagement, Kompromiss und dem Teilen der Macht. Ein einiges, von sich selbst wieder überzeugtes Europa kann viel erfolgreicher bei einem US-Präsidenten auftreten, der seinen Vorteil am liebsten in bilateralen Verhandlungen sucht. Diese Notwendigkeit ist mit dem krawalligen Ausgang des G-7-Treffens noch deutlicher geworden.

Donald Trump ist nach Singapur weitergeflogen, wo er offensichtlich glaubt, mehr herausholen zu können als in Quebec. Zwei aus seiner Sicht ergebnislose Gipfel passen nicht zum Bild des besten Dealmakers aller Zeiten, das er von sich selbst hat. Dass das gute Voraussetzungen für den schwierigen Korea-Konflikt sind, bezweifeln in Amerika selbst im konservativen Lager viele.

So oder so: Wenn dieser nächste Gipfel vorbei ist und sich der Zorn über Trumps kindisches Verhalten in Kanada gelegt hat, müssen beide Seiten wieder aufeinander zugehen. Alles andere wäre wirklich eine Katastrophe.

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