• „Unverzichtbares Mittel“: So hart kämpft die Politik gegen Maskenmuffel

„Unverzichtbares Mittel“ : So hart kämpft die Politik gegen Maskenmuffel

Die Diskussion über das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist neu entflammt. Politik und Experten warnen vor Sorglosigkeit.

Patrick Eickemeier Thorsten Mumme
Das It-Accessoire des Jahres 2020: Der Mund-Nasen-Schutz.
Das It-Accessoire des Jahres 2020: Der Mund-Nasen-Schutz.Foto: imago images/Michael Weber

Harry Glawe dürfte vielen Bürgern außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns bisher nicht bekannt gewesen sein. Nun hat der CDU-Landeswirtschaftsminister es geschafft, die Bundespolitik bis hin zur Kanzlerin auf den Plan zu rufen.

Glawe hatte der „Welt am Sonntag“ gesagt, wenn das Infektionsgeschehen im Norden so gering bleibe, sehe er keinen Grund, länger an der Maskenpflicht im Handel festzuhalten. Er gehe davon aus, das Landeskabinett werde das Ende der Maskenpflicht in Geschäften am 4. August beschließen. Kurz danach wurde er von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) zurückgepfiffen.

Warum ist das Thema Maske politisch gerade so brisant?

Seit vergangener Woche trägt plötzlich auch Angela Merkel in der Öffentlichkeit Maske. Die Botschaft ist klar: Kampf den Maskenmuffeln – denn das Virus ist nicht weg. Im CDU-Präsidium befürchtete man am Montag, dass es wegen eines zu sorglosen Umgangs mit dem Coronavirus zu einer zweiten Infektionswelle kommen könnte. Gerade an den Ostseestränden lässt sich gut studieren, dass für viele Bürger die Pandemie abgehakt scheint. Auch der Berliner Senat brauchte lange, um mit Bußgeldern das Maskentragen zu forcieren.

Die Spitzen von CDU, CSU und SPD, zahlreiche Ministerpräsidenten und dann sogar noch die Gesundheitsminister aller 16 Bundesländer betonten daher nun unisono: Die Maskenpflicht bleibt. Sie dürfte übrigens auch für Fußball-Bundesligaspiele gelten, sollte im Herbst entschieden werden, dass wieder einige Zehntausend Zuschauer – mit Abstand – in die Stadien dürfen.

Auch das Staatsunternehmen Deutsche Bahn hat angekündigt in den kommenden Wochen mehr als 300.000 Schutzmasken kostenlos zu verteilen.

Wo im öffentlichen Leben der Mindestabstand nicht eingehalten werden könne, seien Masken weiterhin ein „unverzichtbares Mittel“, ließ Merkel am Montag Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilen.

Ist der Nutzen nicht umstritten?

Ja, aber die Politik folgt hier der Mehrheitsmeinung der Experten und tatsächlich scheint die Maske bei der Eindämmung des Virus zu helfen.

Merkel hatte am 6. April nach einer Bund-Länder-Konferenz betont: „Jetzt wandelt sich auch die Meinung der Experten, und der werden wir uns natürlich nicht entgegenstellen.“ Die Kanzlerin gibt sogar praktische Tipps für die Maskenpflege: „Regelmäßiges Waschen, nicht zu lange tragen, heiß bügeln, in den Backofen oder in die Mikrowelle stecken.“

Politisch zeigt die Dissonanz – vor allem Wirtschaftspolitiker machen Druck für ein baldiges Ende der Pflicht - aber auch: Durch die weitgehende Abgabe der Verantwortung für die Corona-Maßnahmen an die Länder droht ein Flickenteppich. Entscheidend ist, dass bei dieser heiklen Frage, solange es noch keinen Impfstoff gibt, Bund und Länder auf einer gemeinsamen Linie bleiben.

Was fordert der Handel?

Aus der Einzelhandelsbranche ist seit Wochen zu hören, dass Masken die Geschäfte bremsen. „Die Maskenpflicht hemmt die Shoppinglust bei vielen Kundinnen und Kunden, Einkaufsbummel und Spontankäufe haben es schwer“, heißt es dazu beim Handelsverband Deutschland (HDE). Eine Lockerung der Verordnung fordert der Verband dennoch nicht direkt.

Die Maskenpflicht solle nur fallen, „sobald dies gesundheitspolitisch vernünftig erscheint“. Die Entscheidung, wann und wo das geschieht müssten aber „Politik und Medizin“ fällen. Man beobachte allerdings einen „gewissen Gewöhnungseffekt an die aktuelle Einkaufssituation“.

Inwieweit Umsatzeinbußen auf die Maskenpflicht zurückzuführen sind, lässt sich bislang nicht beziffern. Eine Umfrage des Handelsforschungsinstituts IFH in Köln untermauert allerdings die Annahmen des HDE.

Die "Steuersenkung für alle" hat im Einzelhandel noch nicht zum kollektiven Kaufrausch geführt.
Die "Steuersenkung für alle" hat im Einzelhandel noch nicht zum kollektiven Kaufrausch geführt.Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Rund die Hälfte der Befragten gab hier an, ohne die Maskenpflicht mehr Lust am stationären Einkauf zu haben und vermehrt in Geschäften zu stöbern. Ein Drittel gab zudem an, ohne die Maskenpflicht mehr Produkte zu kaufen. 27 Prozent haben demnach sogar seit Ende des Lockdowns noch gar kein Geschäft besucht.

Diese Entwicklung trifft allerdings nicht alle Branchen gleichermaßen. Insgesamt lagen die Umsätze des Einzelhandels im Mai sogar knapp vier Prozent höher als vor Jahresfrist. Lebensmittel-, Online- und Möbel- sowie Großgerätehandel profitierten überdurchschnittlich.

Dafür steckt der Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen sowie Kaufhäuser noch tief in der Coronakrise und setzte im Mai 2020 deutlich über acht Prozent weniger um als 2019 im selben Zeitraum. „Das hat auch Auswirkungen auf ganze Innenstädte, denn die Textilhändler sind eine Kernbranche in den Stadtzentren“, so der HDE.

Was bringen Masken bei der Einschränkung der Corona-Pandemie?

Die Kurzformel der Bundesregierung zur die Eindämmung der Corona-Epidemie im Alltag lautet: AHA – Abstand, Hygiene und Alltagsmasken. Diese einfachen Maßnahmen haben über den bundesweiten Lockdown hinaus dazu beigetragen, das Infektionsgeschehen mittlerweile auf vereinzelte Ausbrüche zu beschränken.

Hinzukommt die wohl wichtigste Maßnahme für den nationalen Infektionsschutz: die Isolierung von nachweislich Erkrankten. Für alle anderen gelten Händehygiene, Husten- und Niesetikette und das Abstandhalten von mindestens 1,5 Metern als die effektivsten Ansteckungsbremsen. Aber auch Masken leisten einen Beitrag.

Das RKI empfiehlt Mund-Nasen-Bedeckungen insbesondere in Situationen, in denen „mehrere Menschen in geschlossenen Räumen zusammentreffen“ und es schwierig sei den Mindestabstand einzuhalten: in Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln und bei der Arbeit.

Welche Art von Masken helfen gegen was?

Generell können Masken als physische Barriere Viren stoppen, indem sie etwa die meisten Tröpfchen aufhalten, die beim Husten, Niesen oder Sprechen abgegeben werden. Entscheidend ist die Größe der Tröpfchen und die Porengröße des Maskenmaterials. Beim Husten ausgestoßene Tröpfchen sind meist größer als ein Hundertstel Millimeter.

Beim Atmen stoßen Menschen jedoch auch Tausende Tröpfchen von weniger als einem Tausendstel Millimeter Größe aus, die Stoffe durchdringen können. Diese Tröpfchen sind immer noch groß genug, um Virenpartikel zu enthalten. Masken schützen ihre Träger aber auch vor Schmierinfektionen der Schleimhäute in Mund und Nase durch die Hände, die mit infektiösen Virenpartikeln verschmutzt sein können.

Masken zum Selbstschutz, etwa FFP-Masken mit Ventilen, die die eingeatmete Luft filtern, sind für medizinisches Personal vorgesehen, die Erkrankte pflegen und behandeln. Es ist von gesamtgesellschaftlichem Interesse das medizinische Personal bestmöglich zu schützen.

Für die breite Bevölkerung hält das RKI das Tragen einfacher Mund-Nasen-Bedeckungen für ausreichend. Allerdings sollten Personen auch mit Mund-Nasen-Bedeckungen Abstand voneinander halten, um Ansteckungen zu verhindern.

Warum ist die Infektionsgefahr in geschlossenen Räumen so hoch?

An der frischen Luft ist die Ansteckungsgefahr gering, da es leichter ist, Abstand zu anderen Personen zu halten und da die Konzentration von Aerosolen, die Virenpartikel enthalten können, gegen Null geht. In geschlossenen Räumen sind weder der Abstand zu anderen Menschen noch eine ausreichende Belüftung immer gegeben. Dadurch erhöht sich die Infektionsgefahr.

Wie hoch die Gefahr ist, hängt auch davon ab, wie beengt die Verhältnisse sind und welchen Aktivitäten die anwesenden Personen nachgehen.

In der Covid-19-Epidemie sind verschiedene Superspreading-Events verlässlich dokumentiert, bei denen sich eine größere Zahl Anwesender ansteckte. Dazu gehören Chorproben, Gottesdienste, Konzerte und Karnevalsveranstaltungen. Diese Veranstaltungen haben vieles gemein was Tröpfcheninfektionen begünstigt: geringen Personenabstand, lautes Sprechen oder Singen und körperliche Aktivitäten wie Tanzen, die zu schnellem Atmen führen.

Bei den Ausbrüchen in fleischverarbeitenden Betrieben kommt hinzu, dass in der kalten Luft ausgestoßene Viruspartikel länger infektiös bleiben könnten. Auch hier sind viele Menschen auf engem Raum körperlich aktiv und ein hoher Geräuschpegel erfordert lautes Sprechen.

Welche Rolle spielen Aerosole?

Für die Weltgesundheitsorganisation ist die Lage sehr klar: Das Virus Sars-CoV-2 wird mit Tröpfchen von hustenden, niesenden oder sprechenden Personen auf andere übertragen, die diese Tröpfchen einatmen. Diese seien jedoch so schwer, dass sie schnell zu Boden sinken. Abstandhalten schützt demnach, solange man die Tröpfchen nicht mit den Händen von Oberflächen aufnimmt und mit Mund, Nase oder Augen in Kontakt bringt.

Die WHO hielt sich daher bis Juni mit der Empfehlung zurück, dass die Allgemeinheit Masken tragen solle, da die Beweise für die Schutzwirkung „nicht direkt und nicht von hoher Qualität“ seien.

Nun fordern rund 240 Mediziner aus 32 Ländern in einem offenen Brief an die Behörde, einen weiteren Standpunkt zu revidieren und die Rolle von Aerosolen bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 neu zu bewerten. Auch wenn die wissenschaftliche Beweisaufnahme noch nicht abgeschlossen sei, gebiete das Vorsichtsprinzip, Aerosole als Übertragungsweg anzuerkennen.

Bekannt ist, dass die winzigen Tröpfchen tiefer eingeatmet werden als größere. Dadurch können sie samt Virenfracht bis in die Lungenbläschen gelangen, wo die Viren sehr gut an die Oberflächen der Zellen andocken und sie infizieren können. In Krankenhauszimmern, in denen Covid-19-Patienten liegen, ist das Virus-Erbgut in der Luft nachweisbar, trotz recht intensiver Belüftung. Zudem ist nachgewiesen, dass die Viruspartikel in Aerosolen infektiös sein können.

Lediglich der Nachweis, dass sich Menschen auf diesem Weg anstecken, fehlt bislang. Dennoch gehen Mediziner davon aus: Der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin etwa misst Aerosolen eine genauso große Rolle im Infektionsgeschehen von Covid-19 zu wie Tröpfchen.

Für Benedetta Allegranzi von der Abteilung Infektionsschutz der WHO ist die Debatte jedoch noch nicht abgeschlossen: „Wir halten die Übertragung über die Luft durchaus für möglich, es gibt aber keine soliden oder klaren Beweise“, wird sie in der „New York Times“ zitiert.

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