Überregionales : Terrorverdächtiger in der Uckermark gefasst

Innenminister: Behörden haben womöglich Selbstmordanschlag des 17-Jährigen vereitelt. Bund: Keine konkreten Anhaltspunkte

Alexander Fröhlich

Potsdam/Gerswalde - Die Sicherheitsbehörden haben möglicherweise Pläne für einen Selbstmordanschlag in Berlin vereitelt. In Brandenburg ist am Dienstag ein mutmaßlich islamistischer Terrorverdächtiger gefasst worden. Das sagte Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) am Dienstag vor Journalisten in Potsdam.

Es handelt sich um einen 17-Jährigen, nach Behördenangaben ist er vermutlich Syrer. Die genaue Identität wird noch geprüft. Er könne auch aus dem Maghreb stammen, hieß es. Die Antiterroreinheit des Landeskriminalamtes (LKA) war in der Nacht durch die Behörden in Berlin und Hessen über den Verdacht auf einen möglichen Selbstmordanschlag in Berlin informiert worden. Zudem habe es Hinweise aus dem direkten Umfeld gegeben. Der 17-Jährige soll an seine Mutter eine Kurznachricht über den Dienst WhatsApp geschrieben haben, in der er sich verabschiedet und mitteilt, dass er in den Dschihad eingetreten sei.

Schröter sagte, in der Nachricht des 17-Jährigen seien „seine Absichten erkennbar“ geworden. Aus Ermittlerkreisen hieß es, die Nachricht sei sehr besorgniserregend gewesen. Darin habe der Jugendliche ein klares Bekenntnis abgegeben, dass er den dschihadistischen Kampf aufnehmen werde. Den Ermittlern sei noch in der Nacht klar gewesen, dass am Morgen sofort das Spezialeinsatzkommando (SEK) losgeschickt werden müsse. Das SEK rückte um 9 Uhr in der Uckermark an und nahm ihn in Gewahrsam. Der Jugendliche war seit Sommer 2016 in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Dorf Gerswalde zwischen Templin, Prenzlau und Angermünde untergebracht.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler war der 17-Jährige im Herbst 2015 „unerlaubt nach Deutschland eingereist“ und ist mittlerweile in Brandenburg als Asylbewerber registriert. Bislang ist er der Polizei nicht aufgefallen.

„Die Ermittlungen sind in einem sehr aktiven Stadium“, sagte Schröter. Das Polizeipräsidium äußerte sich zurückhaltender als der Innenminister: Bis zum Abend hätten sich keine Anhaltspunkte auf konkrete Anschlagspläne ergeben, die eine Festnahme wegen Terrorverdachts rechtfertigen würden, sagte eine Polizeisprecherin. Bei dem 17-Jährigen wurden aber drei Handys und ein Tablet gefunden, die nun von den Technikexperten des LKA ausgewertet werden.

Auch das Bundesinnenministerium äußerte sich zurückhaltend. Es lägen „keine Anhaltspunkte dafür vor, dass ein Anschlag unmittelbar bevorstand“, sagte eine Sprecherin. Die Behörden hätten schnell und frühzeitig reagiert, „um ein Risiko für die Bevölkerung auszuschließen“. Die Festnahme zeige, dass die Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern angesichts der hohen Gefährdungslage in Deutschland und Europa gut zusammenarbeiteten und konsequent handelten.

Die Befragung des 17-Jährigen soll auch am Mittwoch fortgesetzt werden. Bis dahin bleibt er nur zur Gefahrenabwehr in Gewahrsam. Dies darf aber maximal 24 Stunden dauern. Deshalb soll am Mittwoch über das weitere Verfahren entschieden werden – ob etwa die für Terrorfälle in Brandenburg zentral zuständige Staatsanwaltschaft Potsdam eingeschaltet wird.

Das Heim in Gerswalde, in dem es auch Plätze für zehn unbegleitete jugendliche Flüchtlinge gibt, wird von der Potsdamer Stiftung „Großes Waisenhaus“ betrieben. Die Einrichtung wollte sich auf Nachfrage nicht äußern. Das Jugendheim befindet sich seit 1994 auf dem Gelände des Schlosses Gerswalde.

Schröter hatte bereits im November, als die Antiterroreinheit des LKA ihre Arbeit aufnahm, prophezeit: „Wir wissen: Auch im Land Brandenburg, selbst in der Uckermark oder in der Prignitz, können Anschläge durchgeführt werden.“ Die Zahl der den Ermittlern bekannten islamistischen Gefährder liegt laut Innenministerium „im unteren zweistelligen Bereich“. Insgesamt haben die Sicherheitsbehörden aktuell 100 Islamisten im Land registriert.

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