Überregionales : Terror in Teheran – der Nahe Osten in Aufruhr

Attentäter sprengen sich in Parlament und Chomeinis Mausoleum in die Luft. IS bekennt sich. Iran: Urheber USA und Saudi-Arabien

Christoph von Marschall

Berlin - Mit einem doppelten Terroranschlag in Teheran hat der Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten eine neue Eskalationsstufe erreicht. Bei Angriffen auf das iranische Parlament und auf das Mausoleum des verstorbenen Anführers der schiitisch-islamischen Revolution im Iran, Ruhollah Chomeini, starben mindestens 18 Menschen, darunter sechs Attentäter, zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bekannte sich als Urheber. Demnach handelte es sich um den ersten Anschlag einer arabischen Terrorgruppe im Iran, was den Konflikt zwischen Iranern und Arabern um die Vorherrschaft in der Region weiter anheizte.

Auch der iranische Geheimdienst sprach von Terroranschlägen – ohne jedoch den IS zu erwähnen. Die iranischen Revolutionsgarden machten ausdrücklich die USA und Saudi-Arabien mitverantwortlich und warfen ihnen eine Verwicklung in den Doppelanschlag vor. Dass US-Präsident Donald Trump kurz zuvor „eine der reaktionärsten Regierungen in der Region“ besucht habe, sei „sehr bedeutungsvoll“ und zeige, dass Amerika „in diese grausame Aktion verwickelt“ sei, erklärte die Eliteeinheit am Mittwoch mit Blick auf Trumps Besuch in Riad.

Der Iran hatte sich vor diesem Mittwoch als sicherstes Land in der Region bezeichnet. Der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien sind verfeindet und bekämpfen sich mit Hilfe verbündeter Milizen in mehreren Staaten des Nahen und Mittleren Ostens, unter anderem in Syrien, im Irak und im Jemen. Die Spannungen hatten sich in den jüngsten Tagen und Wochen verschärft. Trump hatte vor zwei Wochen Saudi-Arabien besucht, das Bündnis mit dem wahabitischen Königshaus bekräftigt und dem Iran vorgeworfen, Terrorgruppen zu unterstützen. Für diese einseitige Parteinahme im Ringen zwischen sunnitischen Arabern und schiitischen Iranern wurde er kritisiert.

Am Montag hatten Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Ägypten und der Jemen die diplomatischen Kontakte zu Katar abgebrochen mit der Begründung, Katar fördere den Terror und unterhalte zu enge Beziehungen zum Iran. Jordanien und Mauretanien stuften ihre Beziehungen zu Katar herab. Trump twitterte, diese Entwicklung gehe auf ihn zurück. Sie bringt freilich auch die USA in Nöte, da sie in Katar wichtige Militärstützpunkte unterhalten, die sie im Kampf gegen den IS benutzen. „Das war wieder ein feiger Angriff und ein nutzloser Versuch, uns einzuschüchtern“, sagte Irans Parlamentspräsident Ali Laridschani. Der Iran werde Terroristen weiter konsequent bekämpfen und alle ihre Terrorzellen im Iran zerstören.

Die Lage in Teheran war zunächst unübersichtlich. Am Mittwochnachmittag berichteten einige Medien, die Situation im Parlament sei unter Kontrolle und alle Parlamentarier seien in Sicherheit. Andere gaben an, die Angreifer seien noch im Parlamentsgebäude und hätten Geiseln genommen.

In Nordsyrien begannen kurdische Kämpfer unterdessen mit dem lang erwarteten Sturm auf die wichtigste verbliebene IS-Hochburg Rakka. Sie werden dabei von den USA unterstützt. Auch in der nordirakischen Großstadt Mossul steht die IS-Terrormiliz unter Druck: Die Islamisten haben sich in der dicht besiedelten Altstadt verschanzt, in der auch bis zu 400 000 Zivilisten gefangen sind. Die Millionenstadt Mossul ist die letzte verbliebene IS-Hochburg im Irak. Unterdessen kündigten die Kurden im Nordirak ein Unabhängigkeitsreferendum für den 25. September an. Die Zentralregierung in Bagdad hatte sich in der Vergangenheit gegen ein derartiges Referendum gestellt.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) betonte das Interesse Deutschlands am Erhalt der Anti-IS-Koalition und bat seinen saudischen Kollegen Adel al Dschubeir um Augenmaß im Konflikt mit dem Golfemirat Katar. Die Region sei ohnehin in großer Anspannung.

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