Streitkultur : Im Sinne einer Lösung

Ariane Bemmer

Es ist möglicherweise der Satz, der im Urlaub mit Kindern am häufigsten fällt: „Kinder, streitet euch nicht.“ Er wird schnell dahingesagt, wenn man das Gezeter um den Strandeimer, die Luftmatratze nicht länger anhören will oder fürchtet, andere könnten sich belästigt fühlen, aber er schreibt auch ein Phänomen fort, das sich auf gesellschaftlicher Ebene als fatal erweist: die Unfähigkeit zu streiten.

Öffentliche Debatten verlaufen in Deutschland meist konfrontativ und entlang von Lagergrenzen: hier die eine, da die andere Meinung. Und dann wird aufeinander geschossen. Mit Vorwürfen, Unterstellungen, in Kurzstatementform. Es knallt und dröhnt und qualmt auf beiden Seiten. Ob es um Deutschlands Integrationsfähigkeit geht, um Kopftuch, Fahrradfahrer, Populisten oder vegane Kantinen. Ziel ist Zustimmung aus dem eigenen Lager, dessen Ansicht man zu verteidigen sinnt, und nicht die Auseinandersetzung mit den anderen.

In der aktuellen Debatte um Migration hat der Berliner Verein „Moabit hilft“ es abgelehnt, für einen Preis überhaupt nur nominiert zu werden, der unter der Schirmherrschaft von Bundesinnenminister Horst Seehofer vergeben wird. So wenig passe die ausländerfeindliche Rhetorik des CSU-Politikers zur Arbeit des Vereins, dass die Sprecherin sich nicht mal vorstellen kann, mit Seehofer auf einer Bühne zu stehen. In der Sache bringt das nichts. Es ist plakativ wirkungsvolles Handeln, das im eigenen Lager dazu führen kann, die Liste der von nun an abzulehnenden Gesprächspartner zu verlängern. Natürlich muss man nicht mit jedem über alles reden. Aber warum nicht die wahrlich seltene Möglichkeit nutzen, wenn sie sich denn mal bietet, und den Bundesminister mitten auf der Bühne mit den eigenen Argumenten herausfordern? Auch ein Verein aus Köln lehnte inzwischen seine Nominierung ab. Noch eine Aktion ohne Wirkung im anderen Lager. So schaukelt sich die Debatte eine Zeit lang hoch und höher, dann wird sie langweilig, weil nichts Neues kommt, die Wortmeldungen werden weniger und hören irgendwann ganz auf, tschüss, bis nächstes Mal. Und dann geht alles genauso von vorn los. Déjà-vu-Effekt garantiert.

Deutschland wird oft als Konsensgesellschaft beschrieben. Das klingt angenehm friedlich, hat aber eine Schattenseite. Die Konflikte werden im Sinne des Friedens von der Politik heruntermoderiert, strittige Entscheidungen einfach für alternativlos erklärt. Wer dennoch den Konsenspfad verlässt und den Streit sucht, riskiert, allein zu stehen. Um das zu vermeiden, will man diejenigen, die anderer Meinung sind, von der eigenen überzeugen. Womit der Konsens wiederhergestellt wäre, nur an einem anderen Platz. Die Folge ist, dass es beim Streiten in Deutschland zumeist ums Rechthaben und Rechtbehalten geht, und wer seine Position verlässt, hat verloren.

Es hilft nun aber auch nichts, wenn die Politik, des Konsensvorwurfs überdrüssig, in Zanksucht verfällt. Und als fahrlässig darf es wohl bezeichnet werden, wenn sich der amtierende Außenminister mit einer nichts als Verhärtung provozierenden Twitternachricht in die Integrationsdebatte einbringt – anstatt die Möglichkeiten seines Amts dafür zu nutzen, eine Annäherung zu befördern.

Wie es anders laufen kann, zeigt sich im Internet unter dem Hashtag Metwo. Dort schreiben – nach dem Vorbild des Metoo-Hashtags zu sexuellen Übergriffen – Menschen mit ausländischen Namen oder Vorfahren über ihre Erfahrungen mit Abwertungen im Alltag, seien es Gemeinheiten von Lehrern, dumme Sprüche von Nachbarn oder grob rassistische Diskriminierungen. Und dazwischen finden sich Reaktionen der Art, danke, dass ihr uns die Augen öffnet. Im Sinne eines konstruktiven Streits ist das die erste richtige Reaktion: den anderen ernst nehmen, ihm zuhören und seine Worte für ebenso wichtig nehmen wie die eigenen.

Für die streitenden Kinder am Urlaubsstrand könnte die Devise entsprechend lauten: „Kinder, einigt euch.“