Singapur-Gipfel : Erst Kim, dann Chamenei

Malte Lehming

Es muss durchaus nicht verrückt sein, eine verfahrene Lage durch eine verrückt wirkende Politik entschärfen zu wollen. Denn Diplomatie ist eine Kunst, keine Wissenschaft. Ihr Ziel ist es, aus Feinden Gegnern, aus Gegnern Verbündete und aus Verbündeten Partner zu machen. Deshalb kann die Welt nach diesem historischen Gipfel von Singapur ein kleines bisschen aufatmen. Reden ist besser als schießen. Immer.

Das konkrete Ergebnis freilich steht unter Vorbehalten. Ein erratischer US-Präsident ist ebenso unberechenbar wie ein sich von der Welt abschottender nordkoreanischer Diktator. Wohin die Reise geht, weiß keiner. Sicher ist nur, dass sie durch dichten Nebel führt. Zeichnet sich bereits die vollständige, nachprüfbare und unumkehrbare Denuklearisierung Nordkoreas ab? Für solche Prognosen ist es aufgrund langer, leidvoller Erfahrungen mit dem Regime in Pjöngjang zu früh. Weder wird im Abschlussdokument der Begriff „Denuklearisierung“ definiert, noch ein zeitlicher Rahmen vorgegeben.

Beklagenswert ist zudem, dass die Einhaltung der Menschenrechte in Nordkorea mit keinem Wort erwähnt wird. Auch in den Gesprächen sei das Thema nur kurz angesprochen worden. Das scheint das Regime in Pjöngjang zur Bedingung für das Zustandekommen des Gipfeltreffens gemacht zu haben, und der mächtigste Mann der Welt, Donald Trump, war darauf beflissen eingegangen. Wollte man es härter formulieren, könnte man sagen: Trump hat sich von Kim erpressen lassen. Für einen „Dealmaker“, der gern und oft stolz ist auf sein Verhandlungsgeschick, muss das eine bittere Lektion gewesen sein.

Dennoch: dass Trump es überhaupt gewagt hat, die ausgetretenen Pfade, die im Umgang mit Nordkorea in all den Jahrzehnten stets in der Sackgasse endeten, zu verlassen und Kim Jong Un die Hand zu reichen, verdient Respekt. Das darf der Groll Europas und Kanadas, nach dem G-7-Gipfel von Trump düpiert worden zu sein, nicht verdecken. Das direkte Gespräch gerade auch mit dem Gegner zu suchen, ist ein Wert, den alle Staaten des Westens verteidigen sollten.

Wenn es aber richtig, mutig und historisch war, um des Weltfriedens willen einem Diktator die Hand zu reichen, der sein Volk verhungern lässt, die Menschenrechte mit Stiefeln tritt, über das größte Folterlager der Welt herrscht, auf dem weltweit letzten Platz bei der Pressefreiheit liegt, seit 18 Jahren kontinuierlich die Rangliste der Länder mit der weltweit schlimmsten Christenverfolgung anführt, Vereinbarungen über das Atomprogramm seines Landes ein ums andere Mal verletzt hat – dann, ja dann müsste Trump jetzt den logisch nächsten Schritt tun und ebenso offenherzig und bedingungslos auf Ajatollah Chamenei zugehen. Auch im Umgang mit dem Iran ist die Lage seit Jahrzehnten verfahren, die Feindschaft zu den USA legendär. Auch die Mullahs halten nicht viel von Menschenrechten und Meinungsfreiheit.

Zwar war der Hauptstreitpunkt im Konflikt mit dem Iran – die Weiterführung des Atomprogramms – durch ein internationales Abkommen bereits nachweislich längst entschärft worden, aber vielleicht gelingt es Trump ja in dem offenbar auch von ihm favorisierten direkten Dialog, zum Status quo ante zurückzukehren und noch draufzusatteln. Sprich: Anerkennung Israels, keine Unterstützung des Terrors, kein Raketenbau.

Ein historischer Händedruck soll Hoffnung machen. Er soll zeigen, dass Mächtige, die den Weltfrieden im Blick haben, über ihren Schatten springen können. Dass sie lieber reden als schießen, lieber verhandeln als drohen. „Jeder kann einen Krieg anzetteln, aber nur die Mutigsten können einen Frieden erreichen“, hat Trump nach dem Gipfel über Kim Jong Un und sich selbst gesagt. Dieser Satz verpflichtet. In Singapur wurde ein Anfang gemacht. Mögen weitere Gesten amerikanischen guten Willens folgen. Bleiben sie aus, wird die Geschichte über diesen Gipfel ein eher ungnädiges Urteil sprechen.

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