Überregionales : „Schweden wurde angegriffen“

Lkw rast in Stockholm in belebte Einkaufsstraße – mehrere ToteRegierungschef Löfvenund Polizei gehen von Terroranschlag ausSicherheitskreisesehen Parallelenzu Nizza und BerlinAuswärtiges Amt:Reisende sollenin Unterkünften bleiben

Karin Häggmark Frank Jansen Berlin
Terrorakt. Auf einer zentralen Einkaufsstraße in der schwedischen Hauptstadt raste ein Lastwagen in eine Menschenmenge und anschließend in ein Kaufhaus.
Terrorakt. Auf einer zentralen Einkaufsstraße in der schwedischen Hauptstadt raste ein Lastwagen in eine Menschenmenge und...Foto: Jonathan Nackstrand/AFP

Bei einem mutmaßlichen Lkw-Attentat in der schwedischen Hauptstadt Stockholm sind nach ersten Angaben mindestens zwei Menschen getötet und acht verletzt worden. Am Freitagnachmittag um 14.53 Uhr war bei der Stockholmer Polizei ein Alarm eingegangen: Demnach war ein mittelgroßer, dunkelblauer Lastwagen in die Fußgängerzone Drottninggatan im Zentrum Stockholms eingebogen. Der Laster, so berichteten Augenzeugen, sei in südliche Richtung gefahren und mitten in die Menschenmassen gerast. Im Eingangsbereich des Kaufhauses Ahlens kam das Fahrzeug direkt neben einem Hotdog-Stand zum Stehen.

Der schwedische Staatsschutz Säpo bestätigte am Abend zwei Tote und mehrere Verletzte. Ein Reporter des schwedischen Rundfunks, der zufällig am Platz war, erklärte hingegen: „Ich sehe um mich herum mindestens drei Leichen. Es herrscht totales Chaos hier.“

In einer Stellungnahme unmittelbar nach der Tat sagte Ministerpräsident Stefan Löfven gegenüber der Nachrichtenagentur tt: „Schweden ist angegriffen worden. Alles deutet auf ein Terrorattentat hin.“ Auch die Stockholmer Polizei geht von einem terroristischen Hintergrund aus. „Die Vorgehensweise deutet darauf hin. So etwas ist schon früher in Europa geschehen“, erklärte Per Thorell von der zuständigen Polizeikommission in Anspielung auf die Attentate in Nizza und Berlin.

Über den oder die vermeintlichen Täter, Hintergründe und mögliche Motive ist noch nichts bekannt. Bei einer Pressekonferenz am Abend zeigte die Polizei Bilder von einem Mann in einem Kapuzenpullover, der zum Tatzeitpunkt am Tatort gesehen wurde. „Mit dieser Person würden wir gern in Kontakt kommen“, sagte ein Sprecher.

Der Lastwagen gehört der schwedischen Brauerei Spendrups und war kurz vor der Tat am Freitag gestohlen worden. „Das ist einer unserer Lieferwagen. Als unser Fahrer ein Restaurant belieferte, sprang ein Mann in den Laster und fuhr mit dem Auto davon“, sagte Spendrups-Sprecher Marten Lyth.

Der Tatort in der Drottninggatan befindet sich mitten im kommerziellen Zentrum der schwedischen Hauptstadt. Dort ist immer viel los, da sich hier neben Läden auch der Bahnhof und die wichtigste U-Bahn-Station Stockholms befinden.

Der Zug- und U-Bahnverkehr wurde eingestellt und das Gebiet weiträumig abgesperrt. Betroffen davon waren auch das schwedische Parlament, die Staatskanzlei und das Stockholmer Schloss. Die Krankenhäuser der Stadt wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Via Twitter rief die Polizei alle Stockholmer auf, zu Hause zu bleiben und die Innenstadt zu meiden. Die Nationalbühne Dramaten und die meisten Kinos in Stockholm stellten ihre Abendvorstellungen ein.

Die Bundesregierung versicherte der schwedischen Bevölkerung ihre Solidarität. „Wir stehen zusammen gegen den Terror“, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert über Twitter. Das Auswärtige Amt riet Reisenden, vorerst in ihren Unterkünften zu bleiben. Sie sollten die Entwicklung der Lage über die Medien verfolgen und auf weitere Sicherheitshinweise achten. Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) erklärte: „Mit Entsetzen, Trauer und tiefer Anteilnahme verfolge ich die Nachrichten aus Stockholm. Meine Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei den Opfern und deren Familien.“

Aus Sicht deutscher Sicherheitskreise handelt es sich bei der Tat vermutlich um „individuellen Dschihad“. Was bisher bekannt sei, erinnere stark an die Todesfahrten von Anis Amri in Berlin und Mohamed Lahouaiej Bouhlel in Nizza, hieß es. Beide Tunesier hatten die Anschläge allein verübt und sich zum IS bekannt. Verwiesen wird zudem auf die etwa 300 Salafisten, die aus Schweden in die Kriegsregion Syrien-Irak gezogen sind. Die meisten schlossen sich dem IS an. Etwa die Hälfte der Ausgereisten ist inzwischen wieder nach Schweden zurückgekehrt.

Ein hochrangiger deutscher Sicherheitsexperte warnte, die Gefahr der Nachahmung des Angriffs in Stockholm sei hoch. In der deutschen Salafistenszene würden zudem verstärkt Angriffe mit Fahrzeugen und Messern diskutiert. In London hatte vor zwei Wochen ein Islamist mit seinem Wagen auf der Westminster-Brücke mehrere Menschen angefahren und dann mit einem Messer einen Polizisten attackiert. Fünf Opfer starben, 40 weitere wurden verletzt. Die Polizei erschoss den Täter.