• Rede des Bundespräsidenten an der Potsdamer Universität: Von der Chance der Niederlage

Rede des Bundespräsidenten an der Potsdamer Universität : Von der Chance der Niederlage

Armin Lehmann

Ein Referatsleiter für Abfallwirtschaft kann mutig, fleißig, glücklich sein und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten, indem er verantwortlich handelt, sich einmischt. Stellen wir uns bis zum Ende des Textes vor, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wäre ein solcher Mann.

Ein Bundespräsident hat im Vergleich zu unserem Mann im Bergwerk der Bürokratie keine Wahl, als sich einzumischen; er muss den Menschen Ratgeber sein, eine Agenda finden, die sie verstehen und die ihnen im Idealfall hilft. Steinmeier hat sich zu Amtsbeginn vorgenommen, ein Mutmacher zu werden, und das ist insofern erstaunlich, weil er selbst nicht immer der Mutigste war, etwa als Kanzlerkandidat. Doch seine Rede am Donnerstagabend vor Absolventen der Potsdamer Universität war in dieser Hinsicht eine erstaunliche, ja eine konstituierende. Nie hat Steinmeier so deutlich von seinem eigenen Scheitern gesprochen, von eben jener eher unmutigen Kanzlerkandidatur 2009. Er sagte wörtlich: „Ich habe geworben und geredet und Konzepte erklärt – und nach einem anstrengenden Wahlkampf krachend verloren. Das war wirklich bitter.“ Doch was folgte, war – nur ein anderer Weg. Vielleicht der Weg zu persönlichem Glück, mindestens ein Weg, auf dem Einmischung weiter gefordert und notwendig war.

Der Mann aus Brakelsieg hat vom Elternhaus erlernt, dass harte Arbeit Glück zwingen kann; in Wahrheit gilt das aber auch für Mut. Beides ist wichtig! Aus der Niederlage erwächst die neue Chance, sie heißt Veränderung, Veränderung braucht wiederum Mut. Steinmeier zitierte Wilhelm von Humboldt: „Nur der Wechsel ist wohltätig. Unaufhörliches Tageslicht ermüdet.“ Traut Euch, ist eine Botschaft, die sich Steinmeier selbst erst zutrauen musste, indem er sich neu zurechtfindet. Dazu gehört „Selbstwirksamkeit“, wie er sagte. Auch bei diesem Begriff liegt die Analogie zu ihm selbst nahe. Selbstwirksamkeit ist der eigene, unerschütterliche Glaube, Dinge beeinflussen zu können, egal, wie schicksalshaft sie sind. Selbstwirksamkeit, sagt Steinmeier, solle jeder spüren dürfen, etwa „wer nach einem unspektakulären Bürotag abends einem Syrer beim Deutschlernen hilft. Selbstwirksamkeit spürt, wer ein Kind groß zieht ... Selbstwirksamkeit ist der Moment, in dem wir wissen, warum wir etwas tun ... Und Selbstwirksamkeit ist der Moment, in dem wir uns entscheiden: Jetzt ändere ich etwas ...“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wollte im Jahre 1987 gerne im Hessischen Umweltministerium anfangen, Abteilung Abfallwirtschaft. Er wurde abgelehnt. Armin Lehmann

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