RAF-Terror : Der Wert der Reue

Friedhard Teuffel

Eine Entschuldigung wird auch durch die richtigen Worte aufrichtig. „Ich möchte Sie, wenn das überhaupt geht, um Verzeihung bitten.“ Das hat die ehemalige RAF-Terroristin Silke Maier-Witt in einem Brief an Jörg Schleyer geschrieben, den jüngsten Sohn von Hanns Martin Schleyer, den die RAF vor 40 Jahren entführt und ermordet hat. Anschließend hat sie Jörg Schleyer in einem persönlichen Gespräch um Verzeihung gebeten, statt einfach nur Entschuldigung zu sagen.

Das macht nichts ungeschehen. Es bleibt ein Verbrechen, das auch Schleyers Fahrer und drei Personenschützer das Leben kostete. Dennoch haben Silke Maier-Witts Worte einen Wert und eine Bedeutung. Für die Familie des Ermordeten vor allem. Für den Blick auf dieses schwarze Kapitel der Nachkriegszeit. Als Erste aus den Reihen der RAF hat Silke Maier-Witt ihre Scham für die begangenen Taten zum Ausdruck gebracht. Sie hat sich dabei nicht in historischen Kulissen versteckt. Sondern Reue vermittelt.

Eine Entschuldigung kann keine Abwurfaktion für Seelenballast sein, nur damit man sich hinterher leichter fühlt. Sie setzt einiges voraus. Die Konfrontation mit einem Hinterbliebenen bedeutet, den Schmerz des anderen an sich heranzulassen. Hinzu kommt die Übernahme von Verantwortung. Maier-Witt etwa hat ihre eigene Verantwortlichkeit im Gruppenhandeln erkannt. Dass in Gerichtsprozessen Täter aus totalitären Regimen so selten Reue zeigen, liegt nicht zuletzt daran, dass sie ihre Verantwortung aufgelöst sehen in der eines Systems. Wer vermag schon, sich einzugestehen, einen Teil des Lebens einer falschen, einer furchtbaren Sache gewidmet zu haben, die Menschenleben zerstört hat.

Die Bitte um Verzeihung ist für Opfer oft genauso wichtig wie die Bestrafung der Täter. Ein Gericht kann Recht sprechen, im Namen des Volkes. Doch spürbar wird das Geschehene unmittelbar, konzentriert im persönlichen Verhältnis zwischen Opfer und Täter.

Auch deshalb dürften viele der sogenannten Schlecker-Frauen am Montag so enttäuscht gewesen sein. Nicht nur davon, dass der Drogerieunternehmer Anton Schlecker nicht ins Gefängnis muss. Eine Gefängnisstrafe wird ohnehin oft überladen als Lebenszeitstrafe mit Auftrag zur inneren Umkehr. Aber zur Reue kann man niemand verurteilen. Die Enttäuschung dürfte bei den Frauen vor allem deshalb groß gewesen sein, weil Schlecker sich nicht entschuldigt hat. So wirkte es, als fühlte er sich ihnen gegenüber nicht verantwortlich. Als kämen sie in seiner Version der Geschichte nicht vor.

Die ausbleibende Entschuldigung kann die Opfer ein weiteres Mal abwerten.

Geradezu verhöhnt werden sie, wenn Täter ihre Selbstgerechtigkeit zur Schau stellen, wie das im zu Ende gegangenen Tribunal zum Krieg auf dem Balkan unter anderem bei Ratko Mladic zu sehen war. Die Selbstgerechtigkeit stellt sich über alles, über geltendes Recht wie über das Gerechtigkeitsempfinden von anderen. Sie ist empathielos und wirkt unglaublich verletzend.

Eine Gesellschaft kann die Kultur des Um-Verzeihung-Bittens fördern, indem sie eine von Reue getragene Entschuldigung würdigt. Indem sie andererseits hastig vorgetragene Entschuldigungsfloskeln nicht besser macht, als sie sind. Aufrichtig um Verzeihung zu bitten, ist mit das Stärkste, was sich aus der eigenen Schuld machen lässt.

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