Politik und Fußball : Die Angst vor dem Abstieg

Friedhard Teuffel

Zwei Desaster sollen an diesem Wochenende abgewendet werden, redend, spielend. Das Auseinanderbrechen der Bundesregierung könnte durch eine Lösung in der Asylfrage auf europäischer Ebene wegverhandelt werden. Und damit Deutschland nicht erstmals in der Vorrunde einer Fußball-WM scheitert, braucht es ebenfalls eine reife Leistung.

Bis zur Bänderdehnung sind die Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Politik schon strapaziert worden – doch in diesen Tagen hält der Vergleich einiges aus. Der Fußball, in dem es neben Talent und Technik auch auf Entschlossenheit und Zusammenhalt ankommt, spiegelt die Lage des Landes. Viele Menschen fürchten den Abstieg. Daten und Gefühle liegen teilweise auseinander, im Fußball wie in der Gesellschaft. Die Arbeitslosenquote ist gering, der Bundeshaushalt gut gefüllt, und im Fußball hat die deutsche Mannschaft seit 2006 bei Welt- und Europameisterschaften immer mindestens das Halbfinale erreicht. Das alles reicht jedoch nicht, um Ängste zu besiegen.

Auf der Suche nach Identität und Halt macht die Nationalmannschaft während der WM wieder ein symbolhaftes Angebot. Doch das Fähnchen-Bekenntnis zu ihr ist im Straßenbild schwächer geworden. Das erscheint angesichts des gestiegenen Nationalbedürfnisses paradox. Der Teamgeist, das schönste Mitbringsel von der WM aus Brasilien 2014 neben dem Pokal, muss erst wieder neu gefunden werden.

Da kommt es auf Führung an, und Angela Merkel und Joachim Löw wirken da wie ein gemischtes Doppel. Fast gleichzeitig haben sie oben angefangen. Sie 2005, er 2004 erst in Co-Verantwortung, ehe er nach der WM 2006 das Team ganz übernahm. Im vergangenen Jahr haben die Wähler ihren Arbeitsauftrag noch einmal bis 2021 verlängert, bei Löw hat das der Deutsche Fußball-Bund kürzlich bis 2022 getan. Das ist noch eine gewisse Zeit – genauso wie für beide bald Schluss sein könnte.

Beide haben sie gerade mit der Integration im engen und weiten Sinne zu kämpfen. Und beide haben in ihrer Arbeitszeit erleben können, wie sich das Land verändert. Gerald Asamoah, in Ghana geborener deutscher Nationalspieler, wurde 2006 noch von einer rechtsradikalen Splittergruppe mit „Du bist nicht Deutschland“ beleidigt. Mesut Özil wird als Nationalspieler inzwischen bis in die Mitte der Gesellschaft hinein abgelehnt.

In Krisen haben Merkel wie Löw ihren moderierenden Führungsstil beibehalten und sich mit einem kleinen und loyalen Zirkel umgeben. Inzwischen steht dieser Führungsstil in Frage, er muss sich neu beweisen. Denn ohne eigene Überzeugungskraft wirkt ihre Moderation hilflos. Löws trotzige Analyse nach der Auftaktniederlage gegen Mexiko erinnerte an Merkels „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten“ nach der Bundestagswahl.

Statt auf dem früher Bewährten zu bestehen, geht es jetzt ganz neu um Klugheit, Kommunikation und Beweglichkeit. Ein Glücksschuss kann zwar reichen, um ein Spiel zu gewinnen, aber nicht um wirklich weiterzukommen. Die Nationalelf kann zeigen, dass ihr traktorhafter Auftritt gegen Mexiko nur ein Ausrutscher in alte Rumpelfußballzeiten war. Der Fußball ist jedenfalls präsent und groß genug, um allgemein stilbildend zu sein. Sich mutig aus engen Spielräumen zu befreien, das wäre ein hoffnungsvolles Bild.