Panorama : Die sibirische Taiga steht in Flammen

Zwei Jahre nach der schlimmsten Waldbrandkatastrophe rollt wieder eine Feuersbrunst über das Land

Elke Windisch
In Flammen. Rauchschwaden steigen aus den brennenden Wälder in Sibirien auf. Tausende Feuerwehrleuten kämpfen gegen die schweren Brände in der Region.
In Flammen. Rauchschwaden steigen aus den brennenden Wälder in Sibirien auf. Tausende Feuerwehrleuten kämpfen gegen die schweren...Foto: dpa

Moskau - Funkkontakt ist die einzige Verbindung zur Außenwelt. 27 Feuerwehrleute aus der mittelsibirischen Region Krasnojarsk sind seit Tagen vom Feuer eingeschlossen. Ihre Lebensmittel waren bereits am letzten Donnerstag aufgebraucht. Sie könnten nur noch maximal zwei bis drei Tage in der Taiga ausharren, hieß es bei einer Krisensitzung. Elf ebenfalls vom Feuer eingeschlossene Katastrophenschützer waren Mittwoch in einer dramatischen Rettungsaktion per Hubschrauber ausgeflogen worden. In letzter Minute.

Die russische Hütte brennt erneut lichterloh. Zwar blieben Zentralrussland und andere Gebiete im europäischen Teil der Föderation, wo es 2010 zu der schlimmsten Waldbrandkatastrophe seit Menschengedenken kam, bisher von den Flammen verschont. Umso heftiger wütet das Feuer dafür in Sibirien und im Fernen Osten. Betroffen sind insgesamt elf Regionen, die Brandfläche wächst in atemberaubendem Tempo, viele Herde konnte bisher nicht einmal lokalisiert werden.

Anfangs brannte es vor allem im Gebiet Tomsk in Westsibirien. Durch die starke Rauchentwicklung musste sogar der Flughafen der Gebietshauptstadt für mehrere Tage gesperrt werden. Es gab Tote und Verletzte. Seit Anfang der Woche tobt der Feuersturm auch in der mittelsibirischen Region Krasnojarsk, ein Gebiet von der mehrfachen Größe Deutschlands, das sich vom Altai-Gebirge im Süden an der Grenze zur Mongolei bis zum nördlichen Eismeer erstreckt.

Zwar hatten Beamte und Katastrophenschützer am Montag mit stolzgeschwellter Brust rapportiert, es sei gelungen, die Brandfläche quasi zu halbieren. Derzeit seien insgesamt 73 Waldbrände auf gut 8000 Hektar registriert. Nur zwei Tage später machten andere Zahlen die Runde. Die Rede war offiziell von bereits mehr als 200 Waldbränden mit einer Gesamtfläche von rund 27 000 Hektar. Die russische Sektion von Greenpeace hält auch diese Angaben für geschönt: Landesweit würden bereits über zehn Millionen Hektar Wald in Flammen stehen.

Allein in den letzten 24 Stunden, hieß es am Mittwoch im Ministerium für Katastrophenschutz, habe sich die Brandfläche um das Anderthalbfache ausgedehnt. Vor allem in der Region Krasnojarsk. Dort sind inzwischen 80 Brandherde aktiv, die meisten davon in der Taiga, einem weglosen Waldgürtel, der sich von den östlichen Ausläufern des Uralgebirges bis fast zum Baikalsee dehnt. Bis zur nächsten Ortschaft sind es oft Hunderte von Kilometern. Löschzüge können dort nicht eingesetzt werden, Löschflugzeuge wegen der Rauchentwicklung nicht starten. Daran scheiterte bisher auch die Rettung der vom Feuer eingeschlossenen Löschmannschaften. Am Mittwoch lag die Sicht über dem Jenissei – Sibiriens Vater der Ströme – unter 200 Metern. Der Fluss selbst führt Niedrigwasser, was die Löscharbeiten zusätzlich verkompliziert. Die Schifffahrt musste auf einigen Abschnitten bereits eingestellt werden. Und damit auch die Versorgung der Siedlungen hinter dem Polarkreis mit Lebensmitteln und Brennstoff für den Winter.

Es brennt sogar in der Arktis selbst. In der eigentlich stets feuchten Tundra auf der Jamal-Halbinsel stehen Zwergbirken und Krüppelkiefern in hellen Flammen. So etwas gab es bisher nie. Jedenfalls nicht, seit Russland 1894 mit regelmäßigen Wetteraufzeichnungen begann.

Meteorologen machen vor allem die anormale Trockenheit für die Brände verantwortlich. Schon im Mai blieben in Sibirien und der Arktis die Niederschläge aus. Bis heute fiel dort kein Tropfen. Wetterdienstchef Roman Wilfand hatte daher schon frühzeitig Alarm geschlagen: Der Höhepunkt der Katastrophe sei für August zu erwarten, die größte Gefahr bestehe für Südwestsibirien und den Osten des europäischen Teils der Russischen Föderation. Kritische Medien werfen Kreml und Regierung vor, keinen Lehren aus der Waldbrandkatastrophe vor zwei Jahren gezogen zu haben. Umweltexperten hatten schon damals verlangt, das Frühwarnsystem und die aus Sowjetzeiten stammende Institution der Waldläufer zu reaktivieren. Seit Inkrafttreten des neuen Forstgesetzes, kritisierte der Waldexperte von Greenpeace, Alexei Jaroschenko, stehe sechsmal weniger Personal für den Schutz der Wälder zur Verfügung. Elke Windisch