Absturz der Germanwings-Maschine : Copilot brachte das Flugzeug absichtlich zum Absturz

Der Absturz der Germanwings-Maschine über den französischen Alpen ist offenbar kein tragisches Unglück. Die Ermittler sind überzeugt: Der Copilot brachte die Germanwings-Maschine selbst zum Absturz. Warum? Das ist bislang unklar.

Gerd Roth Hanns-Jochen Kaffsack
Blick in ein Cockpit eines Airbus A320.
Blick in ein Cockpit eines Airbus A320.Foto: Airbus Industrie/dpa (Archiv)

Marseille - Der Copilot der über Frankreich abgestürzten Germanwings-Maschine hat den Airbus mit 150 Menschen an Bord mit Absicht auf Todeskurs gebracht. "Es sieht so aus, als ob der Copilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört hat", sagte Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Marseille. Der 28-Jährige sei zu dem Zeitpunkt allein im Cockpit und der Pilot aus der Kabine ausgesperrt gewesen. Warum der Mann die Maschine in die Katastrophe steuerte, ist unklar. Hinweise auf einen Terrorakt gibt es laut Ermittlern und Bundesinnenministerium nicht.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach in Köln vom "furchtbarsten Ereignis in unserer Unternehmensgeschichte". Germanwings ist ein Tochterunternehmen des Konzerns.

Staatsanwaltschaft erwägt Ermittlungen wegen Tötungsdelikt

Die Ermittler hatten seit Mittwoch die Aufnahmen eines geborgenen Stimmenrekorders ausgewertet. Schreie von Passagieren sind erst in den letzten Sekunden vor dem Aufprall zu hören. An der Absturzstelle in den französischen Alpen bargen Rettungskräfte die ersten Opfer. Vielerorts in Deutschland versammelten sich Menschen zu einer Schweigeminute für die 150 Insassen, von denen 72 Deutsche waren.

Die Staatsanwälte erwägen nun Ermittlungen wegen eines Tötungsdeliktes gegen den 28-Jährigen, der aus Montabaur in der Nähe von Koblenz stammte. Der Pilot hatte nach den neuesten Erkenntnissen das Cockpit verlassen, um auf die Toilette zu gehen, und das Kommando seinem Kollegen übergeben. Als er zurück ans Steuer wollte, habe er die automatisch verriegelte Kabinentür nicht mehr öffnen können, schilderte der Staatsanwalt.

Seit 2013 Co-Pilot

Die plausibelste Deutung gehe dahin, dass der Copilot vorsätzlich verhindert habe, dass die Tür geöffnet werde. Auf Ansprache des Towers habe der Mann nicht reagiert. Ein Notruf sei nicht abgesetzt worden. Lufthansa-Chef Spohr erläuterte, dass es für den Notfall einen Sicherheitsmechanismus in der Kabinentür gebe: Dafür ist von außen ein spezieller Code einzugeben - kommt keine Antwort, öffnet sich die Tür. Der Kollege im Cockpit könne dies aber blockieren.

 

Bekannt war, dass der Mann seit 2013 Copilot bei Germanwings war. Davor hatte er laut Spohr aber schon seit etlichen Jahren für den Konzern gearbeitet, auch als Flugbegleiter. Vor sechs Jahren habe es eine mehrmonatige Unterbrechung der Pilotenausbildung gegeben, danach sei die Eignung des Mannes nach allen Standards überprüft worden. "Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit", sagte Spohr.

Lufthansa: "Wir haben die besten Piloten"

Dem Piloten selbst sei kein Fehlverhalten vorzuwerfen, er habe "vorbildlich gehandelt". Spohr betonte: "Wir haben volles Vertrauen in unsere Piloten. Sie sind und bleiben die besten der Welt." Er sagte auch: "Wenn ein Mensch 149 Menschen mit in den Tod nimmt, ist das ein anderes Wort als Selbstmord."

Der Stimmenrekorder hatte laut Robin bis zuletzt schweres Atmen aus dem Cockpit aufgezeichnet, gesagt habe der Copilot nichts mehr. In den letzten Minuten, bevor der A320 an einer Felswand zerschellte, hätten der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür gehämmert. In den ersten 20 Minuten nach dem Start haben sich Pilot und Copilot demnach ganz normal unterhalten.

Bestürzung allerorts

Der zweite Flugschreiber sei noch nicht gefunden, sagte Robin. Die Bergung und Identifizierung der Opfer könne in dem unwegsamen Gelände mehrere Wochen dauern. Die aus Düsseldorf und Barcelona angereisten Hinterbliebenen hatte er vor der Pressekonferenz informiert. Zuvor hatte bereits ein Düsseldorfer Staatsanwalt Medienberichte bestätigt, wonach einer der Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt war.

Die Erkenntnisse lösten Bestürzung aus. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy schrieb auf Twitter: "Ich bin erschüttert."

Der Airbus mit der Flugnummer 4U9525 war am Dienstag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf, als er über Südfrankreich minutenlang an Flughöhe verlor und am Bergmassiv Les Trois Evêchés zerschellte.

Angehörige auf dem Weg zum Unglücksort

Angehörige der Opfer landeten am Donnerstag auf dem südfranzösischen Flughafen Marseille-Provence. Die rund 50 Angehörigen waren am Morgen von Düsseldorf aus gestartet, um in die Nähe des Absturzortes zu gelangen. Mit an Bord des Airbus A321 reiste auch ein Betreuer-Team aus Seelsorgern, Ärzten und Psychologen. Außerdem war ein zweiter Sonderflug mit einer Germanwings-Maschine für Angehörige der Crew am Donnerstagvormittag ab Düsseldorf geplant. Auch aus Barcelona wurde ein Flieger mit Angehörigen spanischer Opfer erwartet.

Nach Angaben des Marseiller Staatsanwalts sind auch die Angehörigen von Pilot und Copilot an den Absturzort gereist. "Aber wir haben sie nicht mit den anderen Familien zusammengebracht." (dpa)

In einer ersten Version dieses Beitrags war der vollständige Name des Co-Piloten zu lesen. Dieser wurde nun entfernt.

Update

18:00 Uhr: Medizinisch-Psychologische Tests bei Lufthansa

Eine Lufthansa-Sprecherin erklärte dem Tagesspiegel zur Frage der medizinisch-psychologischen Tests, dass diese nur im Auswahlverfahren für die Ausbildung stattfinden, aber nicht mehr in der Ausbildung selbst.

Mit diesem Auswahlverfahren hat die Lufthansa wiederum das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt beauftragt. Dort finden mehrstufige Tests statt. Wer den ersten Tag übersteht, vor allem die Wissenstests, der kommt in die 2. Stufe. Dort geht es vor allem um die psychologische Verfassung des Bewerbers. Es werden Rollenspiele, Cockpitsimulationen und andere Prüfungen durchgeführt.

Hier sind neben zwei Psychologen auch erfahrene Lufthansa-Piloten dabei. Erst wenn auch diese zweite Stufe erfolgreich gemeistert wurde, geht es in den allgemeinen medizinischen Tauglichkeitstest. Hier bewerten lizensierte Ärzte alle medizinischen Eigenschaften beim Bewerber. Dieses Auswahlverfahren schaffen nur fünf bis sieben Prozent der Bewerber.

Zu diesen Auswahlverfahren sagt ein Pilot dem Tagesspiegel: "Das ist wirklich sehr, sehr streng und aufwändig. Das dauert ohne Ende und man muss an mehreren Tagen Gespräche mit geschulten Psychologen führen. Ich kann nur sagen, das wird sehr ernst genommen, der psychische Hintergrund der Auszubildenden."

Der Co-Pilot der Absturzmaschine hat dieses Verfahren ebenfalls durchlaufen, allerdings ist nicht sicher, ob er nach der Unterbrechung seiner Ausbildung, für die bisher keine Gründe genannt worden sind, die Eignungstests wiederholen musste. Wenn etwa ein Auszubildender wegen einer physischen Erkrankung die Ausbildung unterbricht und dann wieder fortsetzt, müsste er das Auswahlverfahren nicht nochmal durchlaufen - und damit auch keine medizinisch-psychologischen Tests. Solle also jemand quasi unerkannt zusätzlich an einer psychischen Krankheit leiden, so würde sie auch nach einer Unterbrechung nicht unbedingt auffallen müssen. (Tsp)

16:56 Uhr: Ermittler durchsuchen Wohnung

Ermittler haben mit der Durchsuchung der Düsseldorfer Wohnung des verdächtigen Germanwings-Co-Piloten begonnen.

Mehrere Ermittler betraten am Donnerstag das Haus am Stadtrand, in dem der 28-Jährige wohnte. Der Co-Pilot steht im Verdacht, die Germanwings-Maschine mit weiteren 149 Menschen an Bord am Dienstag vorsätzlich zum Absturz gebracht zu haben.

16:50 Uhr: Warum hat Andreas L. die Ausbildung unterbrochen?

Viel ist über den Co-Piloten Andreas L. bisher nicht bekannt. Lufthansa-Chef Carsten Spohr erklärte, dass L. seine Ausbildung im Jahr 2009 für mehrere Monate unterbrochen hatte. Spohr verwies auf die ärztliche Schweigepflicht, die über den Tod hinaus gelte. Bei L. sei die Eignung anschließend wieder festgestellt worden, somit konnte er die Ausbildung fortsetzen.

16:41 Uhr: Merkel verspricht Unterstützung bei Aufklärung

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) tritt im Kanzleramt vor die Presse. Die Nachrichten aus Frankreich, wonach der Copilot den Airbus bewusst zum Absturz gebracht habe, gebe der Tragödie eine "schier unfassbare Dimension", sagt Merkel. "Mich trifft diese Nachricht genauso wie jeden anderen Menschen." So etwas geht über jedes Vorstellungsvermögen hinaus."  Die Kanzlerin verspricht, die Bundesregierung werde alles tun, um die Ermittlungen zur Aufklärung des Absturzes zu unterstützen . "Das sind wir allen Menschen und den Angehörigen, die so schrecklich leiden, schuldig."  (Tsp)

 

16:44 Die Zahl der deutschen Todesopfer wurde erhöht. Es sollen sich 75 Bundesbürger unter den Fluggästen befunden haben, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. Zuvor ging man von 72 deutschen Opfern aus. (dpa)


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