Überregionales : Özils Konter trifft auf Gegenkonter

Nach dem Rücktritt des Spielers aus der Nationalelf verwahrt sich der DFB gegen Rassismusvorwürfe. Die Kanzlerin würdigt ihn

Stephan-Andreas Casdorff

Berlin - Am Tag nach dem Beben durch Mesut Özils Veröffentlichungen auf Twitter und Facebook haben die Wellen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und die Politik erreicht. Angela Merkel (CDU), die als Bundeskanzlerin schon häufiger mit dem nun vormaligen Nationalspieler auf Fotos zu sehen war, ließ erklären, sie schätze Özil als einen „tollen Fußballspieler“. Aus ihrer Sicht hat Özil viel für die Nationalmannschaft geleistet. Dazu zählt sie auch eine Integrationsleistung. Ohne es so auszusprechen, riet die Kanzlerin aber auch im Hinblick auf die erklärte Bedeutung des Wertes „Respekt“ in Özils Leben, dessen Rücktritt aus dem deutschen Team zu respektieren.

Eine Bewertung des Rückzugs wollte Merkel ausdrücklich dem DFB überlassen. Der allerdings brauchte länger für eine Reaktion. Offenkundig bestand erheblicher Abstimmungsbedarf in den Führungsgremien, nachdem Präsident Reinhard Grindel namentlich und persönlich hart angegriffen worden war. Özil machte vor allen anderen Grindel verantwortlich für seinen Rückzug aus dem DFB-Team. Dazu brachte er den früheren Bundestagsabgeordneten der Kanzlerinpartei CDU mit Rassismus und Respektlosigkeit in Verbindung, die er verspüre. Erwartungsgemäß wies der DFB dann am Nachmittag den Vorwurf des Rassismus zurück und fügte einen Satz des Bedauerns über Özils Abschied von der Nationalelf an.

Die ebenfalls aus der CDU stammende Bildungsministerin Anja Karliczek hingegen erwartet mehr – auch vom DFB, nämlich eine Debatte um Integration. Dieses Thema sei seit Jahrzehnten eine Daueraufgabe, und Integration müsse immer wieder neu gedacht werden, erklärte Karliczek dem Tagesspiegel. Sie meinte, der Fall Özil sei in den vergangenen Monaten „sehr unglücklich gelaufen“. Am Ende gebe es „nur Verlierer“.

Als Gewinner lobt dagegen die türkische Regierung Mesut Özil. Das bezieht sie sowohl auf seinen Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft als auch darauf, dass er sein Foto mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verteidigt hat. „Wir unterstützen von ganzem Herzen die ehrenhafte Haltung, die unser Bruder Mesut Özil gezeigt hat“, reagierte Sportminister Mehmet Kaspoglu pathetisch, wie Özil auf Twitter. Auch auf Twitter und noch in der Nacht stellte Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin fest, dass Özil „eine völlig überzeugende Begründung“ für sein Treffen mit Erdogan geliefert habe. Die Möglichkeit, dabei Deutschland zumindest indirekt zu kritisieren, ließ sich Kalin nicht entgehen. Der einflussreiche Präsidentensprecher meinte, man müsse sich den Druck vorstellen, unter dem Özil gestanden habe. „Welch eine traurige Angelegenheit für diejenigen, die behaupten, tolerant und multikulturell zu sein.“ Im Land selbst wünschen sich laut Twitter nun etliche, Özil möge sich jetzt ganz für die Türkei entscheiden.

Einen überraschend anderen Zungenschlag hatte die Stellungnahme von Außenminister Heiko Maas. Er glaube nicht, teilte der Sozialdemokrat mit, „dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs“ Auskunft gebe über die Integrationsfähigkeit in Deutschland. Und die AfD bot erneut eine radikal-alternative Sicht: „Mit seiner Abschiedstirade erweist sich Mesut Özil leider als typisches Beispiel für die gescheiterte Integration von viel zu vielen Einwanderern aus dem türkisch-muslimischen Kulturkreis“, sagte Fraktionschefin Alice Weidel. Ihr Parteifreund Georg Pazdersky erklärte Özil für „unfähig zur Selbstkritik“. mit asi