Überregionales : Özil tritt aus Nationalelf zurück

Fußballer verteidigt Foto mit Erdogan und greift Medien, Sponsoren und den DFB an

Stephan-Andreas Casdorff
Damals im Mai. Nationalmannschafts-Fußballspieler Mesut Özil trifft den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.
Damals im Mai. Nationalmannschafts-Fußballspieler Mesut Özil trifft den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.Foto: dpa

Berlin - Mesut Özil tritt aus der Fußball-Nationalmannschaft zurück. Der 29 Jahre alte Weltmeister zog in seiner Erklärung am Sonntagabend via Twitter damit die Konsequenzen aus der öffentlichen Kritik und den Attacken wegen seiner Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der WM. „Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre“, schrieb Özil. Während sich Nationalspieler Ilkay Gündogan, der sich ebenfalls mit Erdogan fotografieren ließ, kurz darauf äußerte, hatte Özil über Wochen geschwiegen.

Dieses brach der 92-fache Nationalspieler am Sonntag. Er tat es auf Twitter und Facebook und auf Englisch, mit umfänglicher Erklärung und mit harten Vorwürfen an die Adresse der Medien, der Sponsoren und des DFB. In seiner zeitlich ersten Veröffentlichung erläutert Özil seine Haltung – wie von DFB-Präsident Reinhard Grindel angemahnt nach dem Urlaub und „auch in seinem eigenen Interesse“. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete hatte vor zwei Wochen im „Kicker“ erklärt, viele Fans seien „enttäuscht, weil sie Fragen haben und eine Antwort erwarten“. Und das, wie Grindel betont, „zu Recht“.

Nun leitet Özil seine Haltung von Herkunft und Erziehung her. Er habe „zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches“. Seine Mutter habe ihn Werte und Respekt gelehrt, und über die Werte denke er bis heute nach. Özil betont, er folge den Werten seiner Mutter, niemals Herkunft, Erbe und familiäre Traditionen zu vergessen. Die Ablehnung eines Treffens mit Erdogan wäre für ihn deshalb „respektlos gegenüber den Wurzeln meiner Vorfahren gewesen, die mit Sicherheit stolz darüber gewesen wären, wo ich heute bin“. Politisch habe er keine Absichten verfolgt: „Für mich hat es keine Rolle gespielt, wer der Präsident war, sondern dass es der Präsident war.“ Was auch immer das Ergebnis der letzten Wahl in der Türkei gewesen wäre, oder der Wahl davor, „ich hätte das Bild trotzdem gemacht“. Özil stellt außerdem fest: „Ob es der türkische oder der deutsche Präsident gewesen wäre, meine Handlungen wären nicht anders gewesen.“

Der Spieler hat Erdogan nach seinen eigenen Worten 2010 das erste Mal getroffen, nachdem der sich zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel in Berlin das Spiel zwischen Deutschland und der Türkei angeschaut hatte. Seitdem hätten sich ihre Wege mehrfach gekreuzt. Immer hätten sie über Fußball gesprochen. Und Fußball sei sein Beruf, nicht Politik.

Özils Haltung ist deutlich – seine tiefe Enttäuschung auch. Er fühlt sich erklärtermaßen in den folgenden Teilen seiner Veröffentlichung auf Facebook mit zweierlei Maß gemessen. Dazu verweist er auf Lothar Matthäus, der sich mit Russlands Präsident Wladimir Putin traf; auf Sponsoren, die nicht mehr mit ihm hätten werben wollen, dabei aber auch eigene Probleme hätten; auf seine Schule in Gelsenkirchen, bei der er ein Integrationsprojekt sponsert, und die ihn dennoch quasi ausgeladen hatte; auf die Doppelmoral der Medien, die ihn für die Pleite des Teams verantwortlich machten, die deutsche Nation gegen ihn aufbrächten und zugleich nichts über sein Engagement für lebensrettende Operationen an Kindern in Russland berichteten. „Ganz ehrlich, das tat wirklich weh“, schreibt Özil und fragt: „Was hat der DFB zu all dem zu sagen?“ (mit dpa)