Überregionales : Nur das Gefühl bleibt ...

Tanz als eigentliche Heimat? Die Oxymoron Dance Company bespielt mit „Heimsucher“ den Kunstraum

Astrid Priebs-Tröger
Work in Progress. Die Gruppe Oxymoron durchtanzt den Kunstraum.
Work in Progress. Die Gruppe Oxymoron durchtanzt den Kunstraum.Foto: Oxymoron

Dass Tänzer sich mit dem Thema Heimat beschäftigen, liegt nahe. Führen doch die meisten von ihnen ein modernes Nomadenleben. Auch die Mitglieder der Potsdamer Oxymoron Dance Companie kommen aus verschiedenen Ländern. Und Anja Kozik treibt das Thema künstlerische Heimat seit dem vergangenen Jahr in besonderer Weise um. Als sie ihre Choreografie „Die Heimsucher und der Kosmopolit“ vor fast einem Jahr im T-Werk zur Voraufführung brachte, wusste sie nicht, ob sie daran weiter arbeiten könne.

Sie konnte es: Mit frischen Ideen und neuen Darstellern und am anderen Ort. Am Donnerstagabend lud die Companie, die bei diesem Projekt jetzt mit der Fotografin Nitya Ramchandran und der Objektkünstlerin Christine Scherrer zusammenarbeitet, zur Vernissage in den Kunstraum ein. Dessen Kurator Erik Bruinenberg sprach zu Beginn von „work in progress“ und bat die zahlreichen Besucher in den Eingangsbereich mit der Wendeltreppe. An den leeren weißen Wänden waren Lichtstreifen der Videoinstallation von Oscar Loeser zu sehen, die ebenfalls wie Passanten wirkten: Kommen und gehen, stehenbleiben, weiter gehen. So geschah es auch in dieser halben Stunde, in der die Besucher nicht vor einem festgelegten Aufführungsort verharrten, sondern den Tänzern spontan durch den gesamten Kunstraum folgten. Besonders beeindruckend war der Blick von oben auf eine kunstvolle Wortspirale. Doch gleich zu Beginn gab es eine kurze Reminiszenz an die Aufführung vor einem Jahr. In einem schwarz abgehängten Geviert, das trotz seiner wehenden, in Streifen geschnittenen Wände wie ein Haus wirkte, begegnen sich ein Mann (Timo Draheim) und eine Frau (Sinja Dieks). Bald drängt es beide hinaus und durch die Gasse, die die Zuschauer bilden, zurück in den Eingangsbereich. Hier kreisen sie in immer heftigerer Dynamik um die Treppe und um einander, als wie zufällig ein „Passant“ (Florian Lenz) durch die Szenerie geht und der Frau den Impuls gibt, jetzt ihm zu folgen. Der Verlassene bleibt in einsamen Breakdance-Posen zurück. Was dann folgt, ist sehr poetisch anzusehen. Der ghanaische Tänzer Prince Ofori umwickelt mit einer dicken Schnur sehr langsam eine frei stehende weiße Wand. Vor ihr ist auf den Boden abwechselnd in vier Sprachen spiralförmig und sehr kunstvoll mit Kreide ein Text auf den Boden geschrieben. „Heimat“ ist immer wieder zu entziffern und „nur das Gefühl bleibt“. Prince Ofori wird dieses kunstvolle Gebilde wie ein spielendes Kind betreten. Er hopst auf einem Bein, balanciert sich aus, um wenig später alles mutwillig zu zerstören. Weg das Spiel, weg die Heimat!? Was bleibt, ist Kreidestaub und an der Schnur Fotokopien, die den Tänzer in der Heimat zeigen. Und wieder werden Breakdance-Figuren getanzt. Tanz als die eigentliche Heimat? Die, die man überallhin mitnehmen kann?

Schön anzusehen ist auch die weiß gekleidete Ballerina (Agnes Wradzidlo), die in dem Gang zwischen Pergamentstreifen, die von der Decke bis zum Boden hängen, fast surreal anmutet. Und die sich dann kraftvoll bis zur Erschöpfung mit ihren eigenen Grenzen auseinandersetzt. Was sie auch tut, dieses weiße elastische Band, lässt ihr zwar einigen Spielraum, doch letztendlich wirft es sie immer wieder auf sich selbst zurück. Der eigene Körper als wahre Heimat?

Mit dieser Performance, die durch Musik von Christoph Kozik einfühlsam unterstrichen wird, hat die Choreografin mit ihren Tänzern Neuland betreten. Mit viel Sensibilität erobern sie den ungewöhnlichen Kunstraum und begegnen mit großer Selbstverständlichkeit ihrem Publikum. Astrid Priebs-Tröger

Erneut heute, 4. Februar, um 20 Uhr im Kunstraum in der Schiffbauergasse

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