Zu PAPIER gebracht : Muss Streaming Sünde sein?

Joachim Huber
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die auslaufende Woche hat die beiden Begriffe des Jahres kreiert: „Selfie“ und „Streaming“. „Selfie“ hat US-Präsident Barack Obama – eher unfreiwillig – populär gemacht, als Norwegens Ministerpräsidentin sich und Obama bei der Trauerfeier für Nelson Mandela mit der Handykamera fotografierte. Obama poste mächtig, da war es schon egal, ob er selber auf den Auflöser drückte oder nicht.

Fürs „Streaming“ sind Millionen Deutsche verantwortlich. Männer, um genau zu sein, die sich auf der Seite Redtube.com die eine oder andere Pornoszene holten. Das hat eine riesige Abmahnwelle ausgelöst, denn das Streamen der Filme war offenbar eine mittelschwere Klau-Aktion. Jetzt sind Millionen Männer besorgt.

Und schon liegt die schönste Gender-Frage auf dem Tisch des Hauses. Treiben Männer die digitale Revolution voran, während Frauen mehr auf die Evolution setzen? Tatsächlich sind die wichtigsten Entrepreneure der Bits und Bytes Garagen-Bengels. Bill Gates, Steve Jobs, Mark Zuckerberg, sie haben nicht darauf gewartet, dass Betriebssysteme, Smartphones und Anwendungen vom Himmel fallen. Erst haben sie der Welt entsagt, geforscht und gelitten, dann waren ihre Wundermaschinen fertig und sie wurden zur Belohnung Milliardäre.

Nun können nicht alle Männer auf dieser Welt Technologien vorantreiben, manche müssen abwaschen, noch weniger können alle Männer Milliardäre werden. Aber all die Non-Nerds zeigen, was gehen kann, was nicht gehen darf, was zulässig, was unzulässig ist. Sie sind die Nachfrage, die wenigen anderen kreieren das Angebot.

Wer streamt, ist Selfie. Er meint sich und nur sich. Die Betreiber der legalen Streaming-Portale von der ARD-Mediathek bis Watchever wissen seit der Redtube-Aufregung ganz genau, dass da draußen Millionen Menschen auf sie warten. Hier findet Markt- und Männerforschung statt. Hoppla, was kommt jetzt? Ein Ja zum illegalen Streaming, ein Ja zum Porno? Self-Befriedigung rechtfertigt alles? Wer streamt, der sündigt nicht?

Das wäre ein krachendes Missverständnis. Wer Pornos braucht, der kaufe sich Pornos. Wer Selfie sein will, der drücke selber auf den Auflöser. Ist alles ganz einfach, muss nur ins Bewusstsein heruntergeladen werden.

Es braucht keinen großen Mut für die Behauptung, dass mehr Männer streamen und mehr Frauen Selfies sind. Die Bedürfniskultur ist genetisch fixiert. Pornos für die Männer, Posen für die Frauen. Im digitalen Zeitalter muss das so nicht bleiben, vielleicht läuft es auf eine Umkehrung oder nur auf die Angleichung der Verhältnisse hinaus. Gewonnen wäre die überraschende Erkenntnis: Der digitale Mensch kann seine analogen Verhaltensmuster verändern, überwinden, verbessern. Posen-Selfies und Porno-Streamer werden die Welt retten. Nicht heute, morgen.