Zu PAPIER gebracht : Julia Engelmann ist überall

Stephanie Drees
Foto: Drees

Dieses Video könnte ihr Leben verändern“, versprach mir Stern.de in meiner Facebook-Timeline. Ich fuhr mit dem Regionalzug durch die norddeutsche Tiefebene, die Nacht trottete an meinem Fenster vorbei. Ich klickte auf das Gesicht einer jungen Frau. Sie begann mir zu erzählen, dass ich mein Leben leben muss, um was zu erleben. Denn: „Eines Tages werden wir alt sein, Baby“, warnt Julia Engelmann in ihrem Text „One Day/Reckoning“. Und reimt: „Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf, mein Dopamin, das spar’ ich immer, falls ichs noch mal brauch’.“ Sie steht in einem Hörsaal voller Studierender. Ein Poetry Slam in Bielefeld. Ihr Enthusiasmus erinnert an Moderatorinnen auf dem Kinderkanal.

Ein halbes Jahr lag das Video in den Katakomben des Netzes, bis der Blogger Kai Thrun es empfahl und der „Gänsehaut“-Konsens in die sozialen Medien drang. Bisher hat das Video mehr als 3,8 Millionen Klicks eingesammelt. Aufstieg, Fall und sich nun abzeichnende Rehabilitation der Julia Engelmann wurden von großen Medien begleitet, und nahezu jeder Nerv, den sie getroffen haben könnte, seziert. Fritz Göttler, Filmkritiker der „Süddeutschen“, kam in einer ersten Kurzanalyse schnell zu dem Schluss, dass der Erfolg ihres Auftritts gar nicht in seiner unverfälschten Authentizität liege, sondern Julia Engelmann ganz genau wisse, wie sie sich inszeniere. Inszenierung – so was aber auch! Dabei müsste er doch wissen, dass Authentizität ein Wesen mit vielen Köpfen ist. Schon als Julia Engelmann vor das Hörsaal-Auditorium getreten war, wurde sie eine Bühnenfigur, das ist eine Slammerin nun mal.

Es geht bei dieser Performance nicht vorrangig um Literatur. Der oft geschmähte Erbauungskitsch des Textes und seine Weisheiten im Poesiealbum-Format sind für den Moment bestimmt. Die Worte rauschen vorbei, und wie bei jeder Form des handwerklich gut gemachten Kitsches kumulieren sie in einem Gefühl, das sich wunderbar teilen lässt: knapp sechs Minuten in der gänzlich ironiebefreiten Zone. Um Authentizität geht es gewiss – als Zuschreibung.

Julia Engelmann ist eine große Figur des viralen Eskapismus. Eine, die für wenige Minuten das Gefühl vermittelt, dass jeder jedes erdenkliche Leben haben kann – im Rückzug in die eigene, kleine Welt. Sie ist nicht die Erste ihrer Art, umso interessanter, wie sie aufgenommen wurde. Um Botschaften wider die Lebensprokrastination geht es hier so wenig, wie es einst bei „Ein bisschen Frieden“ um das Aufbegehren gegen den Nato-Doppelbeschluss ging. „Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt“, sang Nicole einst. Man muss nur ein bisschen dran glauben.