Tatort-Kritik : Zirkus der Loser

Laaaangweilig! Der Ludwigshafener Tatort "Zirkuskind" (Sonntag, 20.15, ARD)ist nicht mehr als ein ideenloses Porträt des ach so romantischen Zirkuslebens.

Oliver Dietrich
Ich weiß nix, ich sag nix. Odenthal (Ulrike Folkerts, l.) staubt wenigstens noch ein Pils bei Lousiana (Steffi Kühnert) ab.
Ich weiß nix, ich sag nix. Odenthal (Ulrike Folkerts, l.) staubt wenigstens noch ein Pils bei Lousiana (Steffi Kühnert) ab.Foto: ORF/ARD/Alexander Kluge

Der Zirkus ist in der Stadt: Als ein Ort der Sehnsucht und der Kindheit sitzen natürlich auch Kopper (Andreas Hoppe) und Odenthal (Ulrike Folkerts) in der Manege und strahlen wie die Dreikäsehochs. Hatten wir das nicht letztens schon? Richtig: Im Frankfurter Tatort "Schwindelfrei" saß Frank Steier auch im Zirkus, kurz darauf gab es einen Mord - und schwuppdiwupp wurde in und um die Manege ermittelt. Also nichts Überraschendes in Ludwigshafen. Allerdings fehlt Kopper und Odenthal der Esprit: Wir sehen einen Zirkus voller Loser, die alle nur weg wollen, aber irgendwie nicht können, weil die Ermittler im weg rumstehen.

Pit (Mark Filatov) und sein Bruder Robbi (Hanno Koffler) sind zwei junge Brüder, denen das Feuerspucken, Messerwerfen und um Zebras kümmern irgendwie zum Hals raushängt. Außerdem liegt Ärger in der Luft - das erfahren wir aber erst später. Denn zunächst muss Pit erschlagen in der Manege liegen. So richtig überrascht ist jedoch niemand davon: weder Robbi noch Artistin Felicitas (Liv Lisa Fries), die mit Pit ein Techtelmechtel hatte, noch die "Patriarchin" des Zirkus Lousiana (Steffi Kühnert), die eigentlich Elisabeth Winkler heißt und Pit eh für ein Arschloch hielt.

Nun sind die Ludwigshafener Ermittler ja nicht gerade bekannt dafür, die Hellsten zu sein. Das ist auch dieses Mal nicht anders: Planlos stolpern sie durch das Geschehen (Buch: Harald Göckeritz) und glotzen romantisch. "Das sind die letzten Nomaden unserer Zeit, ist dir das klar?", strahlt Kopper: "Auf jeden Fall ist ihr Leben schlicht und ergreifend freier als unseres." Och nö, auch wenn Odenthal es sogar einmal schafft, über das Drahtseil zu balancieren - im Zirkus kann man sich die beiden nun wirklich nicht vorstellen.

Und was sind die Optionen für die Ermittler? Mord aus Leidenschaft kommt für Kopper sofort infrage, schließlich hatten Pit und Felicitas ja irgendwas miteinander, aber es gibt auch noch den Psychopathen Herbert Rauch (Fritz Roth), mit dem die Brüder erst vor Kurzem eine Kneipenschlägerei hatten. Und dann kommt raus, dass der Zirkus erst kurz zuvor in Tunesien überwintert hat. Tunesien? Na klar, Drogenschmuggel, was sonst! Also stellen Kopper und Odenthal den Zirkus ordentlich auf den Kopf. Ätsch, Fehlanzeige.Aber irgendwas müssen die doch aus Tunesien geschmuggelt haben, verdammt noch mal! Aber was? Und da kommt auch schon der Tunese Serge Rusak (Carlo Ljubek), der irgendetwas von Robbi und Felicitas fordert.

Der Tatort (Regie: Till Endemann) kommt einfach nicht in Gang. Die Langeweile entsteht ziemlich schnell und bleibt auch konstant bis zum plakativen Ende mit Fremdschäm-Faktor. Die Einzige, die halbwegs auffällt, ist Liv Lisa Fries in der Rolle der Felicitas, aber gegen dieses Drehbuch ist auch der Versuch, ihrer Figur Tiefe und Zerrissenheit mitzugeben, zum verblassenden Scheitern verdammt und verpufft ziemlich schnell. Überhaupt sind alle im Zirkus so wehleidig, dass man ihnen Taschentücher in die Hand drücken mag, ganz besonders der Obermutti Lousiana: "Sie wirken immer so unbeteiligt, was den Mord an Pit betrifft", hält Odenthal ihr vor. "Um ehrlich zu sein: Ich mochte ihn nicht", entgegnet sie. "Das klingt hart", sagt Odenthal betroffen. "Das Leben ist hart", antwortet Lousiana. Gähn! Dialoge zum Einschlafen.

Ach Ludwigshafen, so wird das wieder nichts mit uns.

Oliver Dietrich kann Zirkus-Romantik irgendwie nichts abgewinnen. Erst recht nicht nach diesem Bombardement von Langerweile. Da rettet auch Kppers neuer Bart nichts.