Tatort-Kritik : Wiener Melange

Vielleicht ein bisschen viel, was der Wiener Tatort "Abgründe" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) uns auftischt. Aber es ist vor allem sehenswert.

Oliver Dietrich
Hier stimmt doch was nicht! Eisner und Fellner misstrauen dem Frieden.
Hier stimmt doch was nicht! Eisner und Fellner misstrauen dem Frieden.Foto: rbb/ORF/Petro Domenigg

Es ist kalt in Wien, beklemmend kalt, fast schon fröstelnd blau - typisch fast für den Gebirgsstaat, auch wenn es nur eine Laune des Kameramanns (Thomas Kürzl), der gern auch aus der passenden Rattenperspektive filmt, sein soll. Ganz bestimmt: Aber dennoch ist der Wiener Tatort gewohnt beklemmend, fast schon albtraumhaft. Und sicherlich schon eine Anspielung auf die Kollektivschuld des Kleinstaates mit den hohen Bergen, zu dem einem auch nicht mehr als Haider (Nazi) und Fritzl (Perverser) einfallen mag. Schade eigentlich, liefert doch der Wiener Tatort ein gesellschaftliches Spiegelbild, dem die deutschen Ermittler verzweifelt und maximal mit heraushängender Zunge nachrennen.

Es ist ein Schandfleck, das Haus, in dem der Mörder von Melanie Pölzl ein Verlies für das Mädchen gebaut hat und sich, kurz nachdem es fliehen konnte, vor einen Zug warf. Niemand hatte etwas bemerkt, aber somit passierte genau das, was geradlinig voraussehend passieren musste: das Entwickeln einer Kollektivschuld mit dem gleichzeitigen Verschweigen, ein verzweifelter Versuch zur Rückkehr zur Normalität. Das Haus, das nicht unabsichtlich an den Ort erinnert, in dem eine von Österreichs berühmtesten Kindern, aber auch gleichzeitig Opfern ihr Leben in Gefangenheit fristen musste: Natascha Kampusch. Kein Zufall, und sicherlich ein Wagnis von Regisseur Harald Sicheritz, diese dunkel-klebrige Geschichte aufzuarbeiten. Der Schandfleck muss weg, "ein unheimlicher Fremdkörper in einem so netten Dorf", nur so kann das Vergessen angemessen forciert werden.

Dumm nur, dass beim pressetauglichen Abriss vor laufenden Kameras etwas zum Vorschein kommt, was es so nicht hätte geben dürfen: die Leiche der Journalistin Franziska Kohl, die in dem Verlies verdurstet ist. Berufsrisiko? Keinesfalls. Sie war an der Recherche dran und kurz davor, etwas aufzudecken, was den Rahmen des Vorstellbaren gesprengt hätte. Hätte: Der Fall wurde nämlich ganz offiziell zu den Akten gelegt. Dumm nur, dass ausgerechnet Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) seine Finger an der Franzi hatte. Eine alte Geschichte holt ihn ein, in der ausgerechnet Franzis Ex-Mann überhaupt nicht gut auf Eisner zu sprechen ist: "Damals hast du sie hängen lassen", wirft er Eisner vor. "Werd ihr wenigstens im Tod gerecht."

Immerhin sieht der Leichenfund nach einem klassischen Unfall aus, weshalb die Tote ganz schnell auf Anweisung von oben freigegeben wird - unhinterfragt, also ein Unfall, ganz klar. Das glaubt jedoch niemand, nicht mal die Gerichtsmedizinerin Veronika Resnik (Eva Billisich). Soll hier irgendetwas gedeckt werden? Eine Verschwörungsgeschichte, die bis ganz nach oben reicht? Eisner und Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) lassen sich die Akten kommen, gegen jeden Widerstand. Aber auch da fehlt etwas. Das Ermitteln in den eigenen Reihen beginnt.

Man traut dem Wiener Tatort mittlerweile einiges zu, besonders was die Authentizität der Ermittler betrifft. Das Format des dialogstarken Kriminalfilms wird auch an dieser Stelle aufgenommen, und da macht dem Team Eisner/Fellner niemand etwas vor, zumindest nicht von den deutschen Ermittlern. Insofern ist die Angst, von einem Wiener Tatort enttäuscht zu werden, wirklich gering. Na klar: Enttäuscht wird man auf keinen Fall. Auch wenn die Story irgendwann einfach ein bisschen zu viel wird, nimmt man den Ermittlern die Authentizität ab, die für einen gut gemachten Krimi einfach nötig ist. Und für die Story können sie ja wirklich nichts: Der Anschlag auf Eisners Tochter, die nach einem fingierten Autounfall im Krankenhaus landet, ist definitiv zu viel des Guten, genauso wie die unsagbar pathetische Musik (Lothar Scherpe) - die kühl intelligente Strategie des Drehbuchs wird damit nur torpediert. Was soll diese überhebliche Verschwörungstheorie (Buch: Uli Brée)? Trotzdem kann man aufatmend feststellen, dass der Wiener Tatort seiner Aufgabe, einen guten Krimi zu machen, gerecht wird - Glaubwürdigkeit hin oder her. Vielleicht verzeiht man einfach irgendwann mehr, als der Film eigentlich verdient. Dennoch: spannend.

Oliver Dietrich war noch nie in Österreich, liebt aber den österreichischen Akzent. Vielleicht liegt es daran, dass er den Wiener Tatort immer wieder so unglaublich großartig findet.