Tatort-Kritik : Wider die Besinnlichkeit

Der Münchener Weihnachts-Tatort "Klingelingeling" (Montag, 20.15 Uhr, ARD) thematisiert die rumänische Bettelmafia. Etwas weniger düsteres Pathos hätte ihm jedoch ganz gut getan.

Oliver Dietrich
Frag doch mal die Mafia: Batic und Leitmayr quetschen den Rumänen Radu Stelica aus.
Frag doch mal die Mafia: Batic und Leitmayr quetschen den Rumänen Radu Stelica aus.Foto: ARD Degeto/BR/Walter Wehner

Jede Wette: Nach diesem Tatort überlegen Sie sich dreimal, ob Sie dem Bettler am Straßenrand oder in der U-Bahn etwas Kleingeld zustecken oder nicht. Denn so viel lernen wir in dem Film: Die einzige Möglichkeit, um den mafiösen, ausbeuterischen Strukturen der Bettelmafia etwas entgegenzusetzen, ist nichts zu geben. Ein politisches Statement. 

Warum, das erfahren wir auch: Hordenweise Bettler werden aus Rumänien importiert, das Geschäft boomt gerade zur Weihnachtszeit, nie wird mehr an den Humainsmus appeliert als dieser Tage. Doch dieses mitfühlende System ist anfällig für Verbrecher. Für solche wie Radu Stelica (Florin Piersic Jr.) etwa: Der Kopf der Bande lässt seine Leute eiskalt in der Fußgängerzone ausharren, nimmt ihnen alles ab, Gewalt und Schläge sind an der Tagesordnung. Eine geradezu perfektes System für eine - wenn auch aufdringlich tragische - Neuinterpretation der Weihnachtsgeschichte. Denn diejunge Tida Dablika (Mathilde Bundschuh) ist hochschwanger; nach einem Gewaltausbruch von Stelica gegen sie setzen die Wehen ein, einige Wochen zu früh, dazu noch vollgepumpt mit der Droge Liquid Ecstasy. Schwanger nützt sie der Bettelmafia jedoch mehr als mit einem Neugeborenen. Das Kind soll also weg. Gemeinsam mit ihrer Schwester Anuscha (Cosmina Stratan) flieht sie, nachdem sie das Kind in einem Keller entbunden hat, durch München, verfolgt von Radu Stelicas Bruder Calin (Alexandru Cirneala). 

Doch der ist daraufhin verschwunden, genauso wie sich die Wege der Schwestern trennen - und das Baby wird tot in einer Kirche gefunden: "Bitte geben Lucian begraben", steht auf einem Zettel. Gerade das Schützenswerte wird zum Opfer der Ausbeutung. Wer hier eine positive Wendung hin zur christlichen Nächstenliebe erwartet, der wird enttäuscht. Es gibt keine Auferstehung. 

Währenddessen kämpfen die Münchner Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) noch mit ihren Luxusproblemen: Batic findet niemanden, mit dem er Weihnachten feiern kann, und Leitmayr wird permanent von seiner Mutter bekniet, eine Gans zu besorgen; ein Geschenk hat er auch noch nicht. Zwei Welten, die gar nicht zueinander gehören wollen. Und es doch irgendwie müssen. Am Ende der Geschichte sind alle irgendwie geläutert. 

Und damit dieses ganze tragische Pathos einem nicht die besinnlichen Weihnachtsfeiertage versaut, baut der Tatort (Buch: Dinah Marte Golch) noch als Gimmick ein nicht enden wollendes Handy-Geklingel mit ein. Richtig: Schon der Titel spielt darauf an. Da dudelt Jimi Hendrix aus Leitmayers Jackentasche, piepen Absagen-SMS aus Batic, und auch die Rumänen haben ständig ein Handy in der Hand. Aber wozu? Als Kontrapunkt zur Besinnlichkeit, als Karikatur der ewig gleichen Weihnachtslitanei? Das mag alles irgendwie keinen Sinn ergeben. 

Immerhin: Der Tatort von Regisseur Markus Imboden, der noch vor zwei Wochen mit dem großartigen Frankfurter Tatort zu sehen war, verzichtet auf große Gesten und redundante Action-Szenen. Das tut dem Film nicht nur gut, sondern setzt ihn auch wohltuend von anderen Produktionen ab: München ist eben nicht Berlin. Dennoch droht die Geschichte des Filmes in zu viel Pathos ertränkt zu werden. Und ganz ehrlich: Wem die Besinnlichkeit wichtiger ist als die garstigen Probleme des Alltags, der lässt die Finger dann doch lieber von der Fernbedienung. Die Katerstimmung wird sich auch so ganz zuverlässig einstellen. Spätestens zu Neujahr.