Tatort-Kritik : Völlig normal

Der Wiener Tatort "Schock" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) beleuchtet das Scheitern der sogenannten Generation Y. Noch sozialkritischer als zwei Kölner Tatort-Folgen zusammen.

Oliver Dietrich

"Ich bin völlig normal", sagt David Frank (Aaron Karl) in die Kamera, per Livestream verbreitet er seine Botschaft über alle sozialen Netzwerke. Dass er jedoch nicht als normal empfunden wird, ist ihm dabei völlig klar: denn seine Botschaft ist die unmittelbare Ankündigung von Gewalt. "Ich werde meine Mutter, meinen Vater und anschließend mich selbst töten. Und ich werde mich bemühen, Ihnen zu erklären, warum." 

Wien dreht natürlich komplett durch, im Fokus der angekündigten Straftat: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) soll die Ermittlungskommission leiten, der Verfassungsschutz in Form von Kollege Schubert (Dominik Warta) sitzt mit am Tisch, zur gleichen Zeit stürmt das Sondereinsatzkommando Cobra das Haus der Familie Frank. Eine Bilderbuchfamilie immerhin, vom Erfolg kekennzeichnet: Der Vater ist ein mit Preisen überhäufter Mathematiker, die Mutter Anwältin, eine Koryphäe, und der Sohn Medizinstudent. Die Opferrolle scheint auf keinen zu passen. Zumal David Frank einfach nicht ins Bild des destrkutiven Narzissten passen will: Der hat nämlich die Ruhe weg, und erklärt selbstreflektiv sein Vorhaben an die ganze Welt. "Kein Amoklauf, keine Rache, keine Affekthandlung, keine religiös, ideologisch oder rituell motivierte Tat." Ein Rätsel also. 

Dessen Aufklärung in der Person Sarah Adler (Mercedes Echerer) zu liegen scheint: Die Soziologie-Professorin forscht und lehrt im Bereich der Konfliktforschung, Schwerpunkt Amokläufe - und wird kurz darauf von Eisner und Fellner (Adele Neuhauser) einkassiert. Was weiß sie über David Frank? "Völlig normal", sagt sie über ihn - genau wie der Titel ihres letzten Buches. In dem ging es um das Versagen der Leistungsgesellschaft, der suggeriert werde, dass man alles erreichen könne, wenn man sich nur anstrenge. Aber dieses System kennt - zumindest auf der menschlichen Seite - nur Verlierer. Amokläufe seien nur die logischen Symptome, die geradlinigen Reaktionen auf das Scheitern im System. Doch was macht die Gesellschaft? "Es geht nicht ums Verhindern, es geht ums Bestrafen", sagt sie. "So funktioniert Ihr Rechtsstaat. Wir behandeln Symptome." Kann es etwa sein, dass sich die Professroin genug radikalisiert hat, um gemeinsame Sache mit dem Mörder zu machen? Immerhin war sie ja als Studentin schon politisch aktiv. RAF lässt grüßen, das Gespenst spukt noch herum. 

So viel Sozialkritik ist für den Wiener Tatort freilich ungewöhnlich. Regisseur und Autor Rupert Henning inszeniert mit "Schock" einen Film, der noch sozialkritischer daherkommt als zwei Kölner Tatort-Folgen zusammen. Das moralische Damoklesschwert hängt drohend über der Szenerie, die Dialoge sind schwer und theatralisch, Wien ist eine Bühne für den erhobenen Zeigefinger. So läuft der Film eine ganze Weile gut, weil er auch den Rückenwind ausnutzt, ein neues Konzept auszuprobieren. Wenn nur nicht dieses ganze Pathos so bleischwer in der Luft hängen würde. Und genau dieses Pathos wird im Laufe des Filmes immer drückender, bis es die ganze Geschichte schließlich gnadenlos erwürgen wird. Das Ende ist schließlich wie aus einem Baukasten für Tatort-Enden, vergiftet vom zuckrigen Crescendo der Streicher. Zu viel Pathos ist eben auch banal. Schade eigentlich: Denn das Gegenteil von gut ist nunmehr gut gemeint.