Tatort-Kritik : Verwurstete Klassik

Kalauer statt Krimi: Der neue Weimarer Tatort wirkt wie eine Parodie auf sich selbst. Dank Nora Tschirner und Christian Ulmen ist das dennoch ganz amüsant.

Ariane Lemme
Verfolgungsjagd per Pferdekutsche, alles klar?
Verfolgungsjagd per Pferdekutsche, alles klar?Foto: ARD/Promo

Mit dem Camper gurkt Kommissar Lessing (nein, einen Vornamen hat Christian Ulmen in seiner neuen Rolle nicht) durch die saftigen Hügel Thüringens zu seinem ersten Einsatz: Vor dem Weimarer Rathaus hat sich das SEK in Stellung gebracht, der Polizeichef gibt letzte Anweisungen.  Drinnen wartet ein irrer Geiselnehmer auf einen Helikopter und eine Pizza, bis er die bekommt, hält er die hochschwangere Beamtin Kira Dorn (Nora Tschirner) in seiner Gewalt. Die hat sich freiwillig als Austauschgeisel gemeldet. So schräg dieses Bild ist, so schräg ist auch der neue Weimar-Tatort mit den beiden Spaß-Zugpferden Nora Tschirner und Christian Ulmen in den Hauptrollen.

Thüringen ist hier ein bisschen das Auenland Deutschlands, man isst gerne fette Wurst und echte Dramen spielen sich hier eh nicht ab.  Lessing kommt zwar mit „Burndown“  von der Mordkommission Hamburg, fällt aber trotzdem erst einmal auf die absurde Story herein. Greift beherzt zur Pizza Mykonos und überwältigt den Geiselnehmer.  Damit hat er sich an seinem neuen Einsatzort praktisch schon assimiliert.

Danach jagt ein Kalauer den anderen, kein Weimar-Wortspiel wird ausgelassen, warum dezent, wenn es auch fett geht.  Keinen Verweis auf die Weimarer Klassik haben sich die Macher (Buch: Murmel Clausen und Andreas Pflüger, Regie: Franziska Meletzky) geschenkt und so reicht es natürlich nicht, dass der Kommissar Lessing heißt und die Tochter des Kutschers Lotte, nein, zum großen Showdown kommt es natürlich während der Stadtmarketing-Aktion „Weimar schillert“.

Zunächst aber findet das frische Kommissar-Paar Blut im Kofferraum eines abgeschleppten Wagens. Kein Ding, findet Sigmar Hoppe (Stephan Grossmann), genannt Würstchen. Er ist der Sohn der Fahrzeughalterin. Seine Mutter ist nicht nur Weimars beste Metzgerin sondern auch passionierte Jägerin. Die wird eben wohl ein Tier erlegt haben, vermutet Würstchen. Mit dem riesigen Fleischerbeil, das im Auto lag, fragt Dorn listig.

Denn der Hoppe gehören einige Immobilien, sie hat mehr Feinde als die Weimarer Klassik Dichter hat.  Anstelle eines Herzens, so geht die Rede, habe die Hoppe nur einen Geldbeutel. Jetzt ist sie verschwunden und ein ominöser Entführer fordert  45. 000 Euro Lösegeld.

Die geplante Übergabe wird dann zum Kalauer-Highlight des ganzen Tatorts, Verfolgungsjagd mit der historizistischen Pferdekutsche ( ja, die gibt es offenbar nicht nur in Wien) inklusive. Dann werden eine rotzige Rathausbeamtin und ein schlitzohriger Kutscher als Verdächtige mit ins Spiel gewürfelt, wer die Wurstkönigin Hoppe tatsächlich auf dem Gewissen hat ist aber eigentlich wurscht. Alle dienen vor allem als Stichwortgeber für Ulmen und Tschirner.

Und wenn keiner der Verdächtigen parat ist, basteln die sich ihre Scherze eben selbst: „Zeit für ihre erste Dschungelprüfung“ kann sich Dorn nicht verkneifen, als Lessing mit nackten Armen tief in den rohen Fleischabfällen der Metzgerei Hoppe wühlen muss. Würstchen steht daneben und sieht mit rollenden Augen zu, als wäre er Teil eines Edgar Wallace-Films. Lessing stochert unmotiviert in dem roten Glibber rum um dann - huch! - einen kompromittierenden Brief hervorzuziehen.

Überhaupt  gucken Dorn und Lessing den größten Teil der Zeit aufgesetzt ausgebufft und sagen stolz ihre vorpointierten Sätze auf. Weil sie sind, wer sie sind - eben  Tschirner und Ulmen - ist das über weite Strecken sogar ziemlich amüsant. Trotzdem bleibt der Eindruck, bei einer Tatortparodie à  la "Tatort in 123 Sekunden" zuzusehen.

Denn in „Fette Hoppe“  ist nichts echt, die Geiselnahme eine Übung, die Entführung nur ein Ablenkungsmanöver und auch der hochschwangere Bauch von Kommissarin Dorn nur ein nettes Gadget. Das Ganze wirkt eher wie eine Tatort-Satire denn wie ein Tatort. Eher „Wochenshow“ oder „RTL Samstagnacht“ als  Krimi. Dass das nicht schlecht sein muss, wissen Fans des Münster-Tatorts. Bis Tschirner und Ulmen deren Niveau erreicht und ihren eigenen Flow gefunden haben, wird es aber vermutlich noch eine Weile dauern. 

"Fette Hoppe", am 26.12. um 20.15 Uhr, ARD

Ariane Lemme findet es grundsätzlich gut, wenn ein wenig auf den deutschen Heiligtümern Schiller, Goethe und Lessing herumgekaut wird, hat es aber lieber, wenn das mit mehr Biss und Raffinesse passiert als in "Fette Hoppe".