Tatort-Kritik : Verdächtige Verwandschaft

Das noch frische norddeutsche Tatort-Team Falke/Lorenz ist selbst im Urlaub auf Lageoog auf Zack, der Hauptverdächtige, der Potsdamer Nachwuchsdarsteller Leonard Carow, spielt sogar Nina Kunzendorf an die Wand.

Ariane Lemme
Wer, wenn nicht er? Im neuen Hamburger Tatort scheint es erst einmal keinen Verdächtigen neben Florian (Leonard Carow) zu geben.
Wer, wenn nicht er? Im neuen Hamburger Tatort scheint es erst einmal keinen Verdächtigen neben Florian (Leonard Carow) zu geben.Foto: ARD Promo

Zwei Menschen in den Dünen, beide fast nackt, beide blutig. Einer von ihnen ist tot. Ein Tatort der so beginnt, hat seine Geschichte fast schon erzählt, jetzt kann es eigentlich nur noch um das Wie und Warum gehen. Damit das spannend wird, gibt es verschiedene Tricks. Gedächtnislücken sind da nicht die originellste Idee - in „Mord auf Langeoog“ waren K.o-Tropfen im Spiel, (die neue Lieblingsdroge aller Tatort-Regisseure), aber immerhin: Florian, der mutmaßliche Mörder, kann sich an nichts erinnern.

Für alle Nordseefans, die sich jetzt vielleicht freuen: Nein, Langeoog hat ab sofort keinen eigenen Tatort, Hamburg aber offenbar faule Kommissare: Kaum hat das neue Hansestadt-Team Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) seine Pilotfolge hinter sich, brauchen sie auch schon Urlaub. Zumindest Falke. Von seinen Überstunden könnte er ein Urlaubssemester nehmen, heult er seinem Vorgesetzten am Telefon vor. Im seinem zweiten Fall hockt er deshalb bei seinem besten Kumpel und Ex-Kollegen Jan Katz (Sebastian Schipper) auf der Insel, zischt ein paar Bierchen und schrammelt auf der Gitarre. Mehr macht Kumpel Katz offenbar überhaupt nicht mehr: Der hängt jetzt dauerhaft auf Langeoog rum, zusammen mit Freundin und neugeborener Tochter, und geht mit Vollbart und dickem Strickpulli ein bisschen zu sehr in seiner Vaterrolle auf. Wäre da nicht noch der kleine Bruder seiner Freundin, Florian (Leonard Carow). Der ist 16 und nach dem Unfalltod seiner Eltern vor sechs Jahren ein bisschen gestört. Zumindest in den Augen des voll im Harmoniemodus treibenden Frischvaters.

Und dann sitzt Florian eben plötzlich neben der Leiche einer Frau – blutbeschmiert und verstört. „Du musst das machen“, fleht Katz Falke an. Er soll den Jungen da raushauen. Denn auch, wenn ihn Florian mit seiner ewig schlechten Laune nervt, ein Mörder ist er doch nicht. Darf er doch nicht sein. Und natürlich kämpft Falke mit allen Ermittlungsmethoden für seinen besten Freund und dessen Familie. Das Problem ist nur: Falke ist gar nicht zuständig.

Auftritt Nina Kunzendorf, bis März dieses Jahres Deutschland schillerndste ARD-Kommissarin und im Frankfurter Tatort an der Seite von Joachim Kròl. Jetzt hat ihr Regisseur Stefan Kornatz die Gastrolle der Christine Brandner verpasst, Leiterin der Auricher Mordkommission. Dort trägt sie statt engen Jeans und Make-up – typisch norddeutsch-pragmatisch - kurze Haare und riesige Hornbrille. Die Gedächtnislücke ist für sie nichts weiter als eine Schutzbehauptung – und was will überhaupt dieser Typ aus Hamburg, der sich hier widerrechtlich in ihre Ermittlungen einmischt? Tatsächlich ist es ja mittlerweile ziemlich ermüdend, dass Tatort-Kommissare über viele ihrer spannendsten Fälle im Urlaub stolpern und sich gerne auch dann einmischen, wenn Verschwägerung und Verstrickung das eigentlich verbieten.

Da trifft es sich gut, dass das Opfer, Bella Gosen, eine Künstlerin aus Hamburg ist. Damit kann Falke Amtshilfe beantragen und Kollegin Lorenz auf die gottverlassene Insel zitieren. Die schlägt auch umgehend auf: nicht ohne vorher noch ein Paar schicke Gummistiefel und einige interessante Details aus dem Leben der Künstlerin aufgetrieben zu haben.

Die war Witwe und - Überraschung! – in ihrer Kunst geht es nur um den Tod. Als Modell kam ihr der blasse, lockige Florian offenbar gerade recht. In unzähligen Selbstmörder-Posen, mal inmitten verstreuter Pillen, mal mit reichlich Kunstblut verziert, hat sie ihn fotografiert. Warum Künstlerinnen im „Tatort“ immer so furchtbare Selbsttherapie-Kunst machen müssen wäre nebenbei gesagt mal eine Frage für Medienforscher – oft scheint es dort, als dürften Frauen nur zur Trauma-Verarbeitung malen und fotografieren.

Das – und die Tatsache, dass es nur einen Verdächtigen gibt, dessen Schuld von Anfang an quasi erwiesen scheint – ändert aber nichts daran, dass „Mord auf Langeoog“ bis zum Ende spannend bleibt. Das liegt vor allem daran, dass Florian so sympathisch ist und zugleich so verzweifelt, dass man ihn am liebsten beschützen möchte. Ihn trösten, wenn er schluchzt und zittert. Dieser zarte Junge mit den verzweifelten Augen kann es doch nicht zigfach brutal zugestochen haben. Mitleid mit einem vermeintlichen Mörder provozieren? Kommt nicht oft vor im Tatort, funktioniert hier aber ausgezeichnet. Nur ganz am Schluss konstruiert sich Regisseur Stefan Kornatz künstlich ein Quäntchen Überraschung dazu. Das hätte es für einen guten Krimi gar nicht unbedingt gebraucht.

Ariane Lemme mag es, wenn die Dinge komplizierter sind, als sie auf den ersten Blick scheinen.