Tatort-Kritik : Unter Feinden

Ja, die Story des Dortmunder Tatort "Auf ewig Dein" (Sonntag, ARD, 20.15 Uhr) mag arg konstruiert sein - aber der Hauptdarsteller haut es raus. Wir mögen Faber - dieses miese, zynische Arschloch.

Oliver Dietrich
Springen gleich beide vom Dach: Faber (l.) hat Graf am Wickel.
Springen gleich beide vom Dach: Faber (l.) hat Graf am Wickel.Foto: WDR/Thomas Kost

Die Öffentlich-Rechtlichen haben die Kinderpornografie entdeckt: Letzten Sonntag tappten die Saarbrücker Ermittler noch durch einen vermeintlichen Pädophiliefall, jetzt machen die Dortmunder Ermittler gleich weiter. Im Wald wird die Leiche der 12-jährigen Marie gefunden, übel zugerichtet und in einen Plastiksack verpackt. Faber (Jörg Hartmann) wittert gleich eine Serie: Immerhin wird auch die 13-jährige Lisa vermisst, die genau dem selben Phänotyp entspricht.

Das Dortmunder Ermittlerteam wird unterdessen gebeutelt, was das Zeug hält: Von Faber ist man das ja gewöhnt, immer am Rande des Kontrollverlustes quält er sich durch den Film, pöbelt rum und ist einfach nur giftig. "Wenn Sie'n Job suchen, lassen Sie's. Ich stell keine Obdachlosen ein", sagt der Chef der Putzfirma, in der ermittelt wird, zu Faber, als dieser dort aufkreuzt. Heruntergekommener geht nicht. Aber auch Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) hat ein Problem: Auf dem Kommissariat wird ein Drogenkurier verhört, der in flagranti ertappt wurde. Der ist kein Unbekannter: Schließlich nimmt Bönisch seine Dienste als Callboy in Anspruch und macht sich dadurch erpressbar. Und die Jungspunde Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske)? Ihre heimliche Affäre trägt auch Früchte, und zwar buchstäblich: Dalay ist schwanger.

Faber holt unterdessen die Vergangenheit ein: Auf seinem Tisch landet in Briefform alles, was er als Erinnerung an seine von Unbekannten ausgelöschte Familie hatte. Jemand ist bei ihm eingebrochen und hat ihm das Diebesgut zukommen lassen - am 15. Juli, ausgerechnet dem Todestag seiner Frau und seiner Tochter. Und das ist genau der Tag, an dem er vor 15 Jahren den Vergewaltiger und Mörder Graf hinter Gitter brachte, wo dieser sich erhing. Und da der Apfel ja meistens nicht weit vom Stamm fällt, fällt der Verdacht schnell auf den Sohn des Opfers, Markus Graf (Florian Bartholomäi).

Das Dortmunder Team bietet reichlich Potenzial für Verstrickungen, was bei vier Ermittlern ja auch beabsichtigt ist. Nun ist dieser Tatort, der in kühlen, blauen Farben gehalten wird (Kamera: Gero Steffen und Jörg Lemberg), für einen deutschen Krimi viel zu konstruiert, auch weil sich Regisseur Dror Zahavi vom US-amerikanischen Modell leiten lässt. Aber es funktioniert, weil Jörg Hartmann der Figur des Faber so viel zynisch-emotionale Tiefe verleiht, dass der Psychothriller einem die Luft anhalten lässt. Damit gelingt dem Tatort eine Spannung bis zum Zerbersten, die durch den bitterbösen Protagonisten zusätztlich befeuert wird. Graf als Gegenspieler sorgt für eine Unheimlichkeit und ein dialogstarkes Knistern beider Figuren - auch wenn Florian Bartholomäi es leider nicht schafft, die Steilvorlage zu nutzen und seine Figur mit der nötigen Glaubwürdigkeit auszustatten. Schade, aber dieser bösartigen Figur fehlen die Ecken und Kanten, zu glattgeschliffen wirkt der Hauptverdächtige. Und auch Kollege Kossik wird der Charaktertiefe seiner Figur diesmal nicht gerecht: Er spielt den Geknickten so komisch, dass man in jeder Szene unfreiwillig Winselgeräusche zusteuern will.

Nun ist der Film gewalttätig genug, um ihn auf 22 Uhr zu legen - aber das Psychogramm bleibt dennoch fesselnd und sehenswert. Faber zuzusehen, wie er sich durch den Film geifert, ist es allemal wert. "Ich bin der Verrückte, der total Durchgeknallte", konstatiert er nicht nur einmal. Und ja, das ist er. "Das nächste Mal mache ich einen auf Departed Teil 3", murrt er rum - und genau das ist es, wo die Story uns hinführt. In die rohe Kunst der Kriminalfallunterhaltung des amerikanischen Niveaus. Das muss man mögen, sonst ist man ziemlich verloren. Aber sobald man sich darauf einlässt, lässt es sich hervorragend fesseln. Weiter so.

Oliver Dietrich ist kein Freund amerikanischer Krimiserien und vertraut eher der europäischen Handschrift. Aber diese Spannung! Der Showdown! Menschenskind! Gut gemacht.