Tatort-Kritik : Traumhochzeit mit Brechstange

Der Münsteraner Tatort "Erkläre Chimäre" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) ist der gewohnte Blödsinn mit Lachfaktor: nur für Fans geeignet.

Oliver Dietrich

Ach herrje, Münster: Genau so etwas hatte man ja wieder von den Ermittlern Frank Thiel (Axel Prahl) und Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) erwartet: eine völlig banale Geschichte, die sich nur durch die herrlich anarchische Charakterisierung der Figuren am Leben hält. Das hat dem Tatort aus Münster aber ebenso viele Fans wie Gegner beschert - die einen werden auch diesen Film lieben, während die anderen genervt abschalten werden. Eigentlich so wie immer. 

Zunächst wird gefeiert - immerhin ist Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) befördert worden und darf sich nun Kommissarin nennen - da sind natürlich alle ganz schön aus dem Häuschen. Und zwar so sehr, dass sich Thiel beim gemeinsamen Absacker mit Boerne in dessen Wohnung am selbst gemachten Häppchen verschluckt und beinahe durch den "Bolustod", der ja auch schon mal in Hamburg gestorben wurde, ins Jenseits befördert wird - kurz vor dem Ersticken greift der Professor jedoch beherzt ein und rammt ihm mittels Luftröhrenschnitt einen Kugelschreiber in den Hals. Thiel atmet wieder, aber was noch viel schlimmer ist: dass Boerne ihm das Leben gerettet hat und er ihm nunmehr ewige Dankbarkeit hinterhertragen müsste, fällt ihm nicht leicht. Immerhin muss er sich nun auch noch durch den Plot röcheln. 

Allerdings hat auch Boerne einen perfiden Plan: Um seinen Erbonkel Gustav von Elst (Christian Kohlund) mit Wohnsitz in Florida beerben zu können, gibt er sich vor ihm als schwuler Rechtsmediziner aus - der sogar verheiratet ist. Allerdings hat er ausgerechnet Thiel als seinen Partner fürs Leben vorgegaukelt - und plötzlich taucht der schwer krank gehaltene Onkel quicklebendig in Münster auf, wo Boerne ihm natürlich seine gleichgeschlechtliche Partnerschaft vorgaukeln muss, was auch nur mit Thiels Hilfe geht. Ganz genau, hier ist viel Stoff für den einen oder anderen mehr oder weniger flachen Witz. Dumm nur, wenn der Erbonkel anscheinend auch noch in den aktuellen Mordfall verwickelt ist: Der junge Brasilianer Luiz Bensao liegt tot in einer Schlachterei, und ausgerechnet der ominöse Onkel hatte offenbar eine Liaison mit dem Toten - und der hatte auch noch kurz davor in dessen Namen eine wertvolle Kiste Champagner einer Weinhandlung zum Kauf angeboten. 

<iframe width="590" height="332" src="https://www.youtube.com/embed/mEj_p0Lb8mA" frameborder="0" allowfullscreen></iframe>

Ein klassischer Münsteraner Fall eben, bei dem Regisseur Kaspar Heidelbach, der vor Kurzem noch das großartige Armin-Rohde-Solo in Köln in Szene setzte, auf den gewohnten Brechstangenhumor setzt. Das Drehbuch (Stefan Cantz und Jan Hinter) scheint völlig im Rausch geschrieben zu sein, aber auch das ist bereits reine Gewohnheit im Münsteraner Tatort - man erinnere sich an den Gaga-Fall mit dem selbst ernannten Superhelden "Der Hammer" etwa. Schade, dass die Subtilität in Münster mit der Zeit verloren gegangen zu sein scheint. Sehenswert ist der Tatort nur für diejenigen, die sich eh schon auf Klamauk vorbereitet haben. Alle anderen müssen ganz schön tapfer sein, um bis zum Ende durchhalten zu können. 

Oliver Dietrich ist ratlos: Münster ist eben Münster. Solange man lachen kann, ist alles gut - jetzt gibt es ja wieder ein paar Monate Pause von ausgemachten Blödsinns-Tatorten.