Tatort-Kritik : Team Teflon gegen Team Rassismus

Der neue Bremer Tatort "Brüder" will etwas von arabischen Groß-Clans erzählen, schafft es aber nur, ein peinliches Klischee nach dem anderen aufzutischen.

Ariane Lemme
Ey, Anwalt, alles klar?! Rechtsanwalt Klaus Puvogel (Niels Bruno Schmidt)und sein Klient Hassan Nidal (Dar Salim).
Ey, Anwalt, alles klar?! Rechtsanwalt Klaus Puvogel (Niels Bruno Schmidt)und sein Klient Hassan Nidal (Dar Salim).Foto: Radio Bremen/Jörg Landsberg

Was soll das denn? Hat die ARD zuletzt den Eindruck erweckt, sich auf  zwei mögliche Täterprofile  – Kinderficker oder Zirkusvolk –  beim „Tatort“ eingeschossen zu haben, kommt sie jetzt mit einer überraschenden Abwechslung um die Ecke: Hey, warum nicht mal was mit arabischen Clans – die Realität bietet ja, siehe Bushido, Inspiration genug. Dass die Autoren Wilfried Huismann und Dagmar Gabler einfach das nächstbeste vermeintlich dubiose Milieu bemühen, ist schon bedenklich genug.

Widerwärtig wird es dann aber bei der schon fast schmerzhaft platten Darstellung. Während die Rollen der „biodeutschen“ Verdächtigen (ja, die mit den blonden Haaren und den blauen Augen) halbwegs komplex von Regisseur Florian Baxmeyer angelegt sind, müssen Dar Salim, Hassan Akkouch und Kailas Mahadevan, die den harten Kern der Nidal-Clans bilden, mehr oder weniger eine Parodie auf das abliefern, was sich der gemeine Deutsche wohl so unter einer arabischen Großfamilie vorstellt. Sarrazin lässt grüßen.

Denn da sitzen sie wie ein eingeschworenes Team Teflon im Gerichtsaal, völlig unempfänglich für den Rechtsstaat. Pöbeln, lachen, johlen, pfeifen und – als Gipfel der Impertinenz – duzen den Richter. Sagen Sätze wie: „Mama wartet schon mit dem Lammbraten“. Ernsthaft? Offenbar ja. Dann macht es ja auch nichts, dass selbst ihr Anwalt das Verhalten seines Mandanten mit dessen „südländischem“ Temperament erklärt. Und womit die Nidals ihr Geld machen ist eigentlich auch schon klar, oder?

Bei dieser Art der Darstellung müssen die Polizisten gar nicht extra voreingenommen sein. Und selbst wenn: Woher sollen sie es besser wissen, schließlich bläut man ihnen schon im „Brutalisierungskurs“ ein, das „Multikulti-Gelaber“ mal zu vergessen. Auf der Straße geht es schließlich darum, sich Respekt zu verschaffen. Aha.

Dabei fängt eigentlich alles ganz gut an. Ein Streifenpärchen braust über den Straßenstrich von Bremen, sie hören den aktuellen Herzbrecher-Kracher „Reckoning Song“ von Asaf Avidan und es ist nicht ganz klar, ob sich da gerade erst etwas anbahnt zwischen ihnen, oder ob sie bereits beschlossen haben, zusammen alt zu werden. Dass das nicht hinhauen wird verrät schon der Song: „One day, baby we’ll be old, think of all the stories that we could have told“.

Nun ja. Alt wird von den beiden wohl nur noch er, sie liegt am nächsten Morgen tot im Straßengraben. Totgetreten von den Nidals? Die haben die beiden Turteltäubchen auf Streife nämlich zuletzt überprüft. Dann: Exitus bei ihr, Blackout bei ihm.

Aber kann sich David Förster (Christoph Letkowski) tatsächlich an nichts erinnern? Warum erkennt er den älteren der Brüder Nidal nicht, von dem doch ein Haar am Tatort gefunden wurde? Die beiden Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) sind vom ersten Moment an skeptisch. Nützt ihnen aber nix. Sie brauchen trotzdem die vollen anderthalb Stunden um den Fall zu lösen.

Am Ende ist alles natürlich doch ein wenig komplexer. Das heißt für Florian Baxmeyer aber nicht, dass auf den Krimiausgang A verzichtet werden muss. Versteht sich doch fast schon von selbst, dass man an Leute wie die Nidals nicht ohne ordentlichen Showdown rankommt. Ganz klassisches Setting: Containerhafen, Drogendeal, angespannte Nerven und ein erkleckliches Arsenal an Maschinenpistolen. Wenn dann nicht fünf gefesselte Araber auf dem Boden liegen, in Lachen aus Blut und verletzter Bruder-Ehre, kann das nichts gewesen sein.

Schade, aus dem Thema hätte man mit etwas Feingefühl auch mehr machen können.

Ariane Lemme fragt sich manchmal, was aus dem guten alten Mord aus Leidenschaft geworden ist - und ob der nicht eine Alternative wäre, wenn es dem ARD-Tatort so verhältnismäßig selten gelingt, gesellschaftlich relevante Themen etwas hintersinniger und eleganter aufzubereiten.